Anti-Evolutionspsychologie: Menschliches Verhalten nach dem sozialwissenschaftlichen Standardmodell

Werfen wir einen Blick auf das Modell, das den Gegenpart zum evolutionspsychologischen Ansatz bildet.

Da ich kaum noch auf »Social Media«-Seiten unterwegs bin, weiß ich nicht, ob es unter Libertären immer noch Volkssport ist, sich gegenseitig aufgrund der Minimalabweichung gegenüber der jeweils eigenen Position in fruchtlosen Endlosdebatten anzugehen. Konkret heißt das, dass die sogenannten »Nullstaatler« die »Minimalstaatler« attackieren und umgekehrt. Auf mich wirkte dieser Streit, der vor allem nach der illegalen (und nach wie anhaltenden) Schleusenöffnung anno 2015 und infolge im Zuge der politisch gewollten »Flüchtlingskrise« entbrannt war, relativ schnell ermüdend und bizarr zugleich. In »Geschosse wider den Einheitsbrei« widmete ich dieser Keilerei Teile des Kapitels »Über Neomoralismus oder: Wie man politische Opfer gegeneinander abwägt«. Meine Theorie lautet heute, dass diese hartnäckige Zankerei das Ergebnis von Hilflosigkeit ist. Nachdem man als Libertärer weltweit zu einer absoluten Minderheit gehört und nichts zu melden hat, arbeiten sich viele entsprechend kurzerhand an an und für sich freundlichen, potenziellen Mitstreitern ab, die jedoch nicht als solche betrachtet werden »können«, da die (niemals stattfindende) »libertäre Revolution« nämlich nur dann erfolgen könne, wenn die – gefühlt – 0,000000001 Prozent »Minimalstaatler« endlich so denken wie die – gefühlt – 0,000000001 Prozent »Nullstaatler« oder vice versa. So oder so ähnlich. Heute kann ich darüber schmunzeln.

Viele Libertäre können nicht verstehen, warum ihre zweifelsfrei logischen Analysen zur Ökonomie beziehungsweise Funktionsweise einer Marktwirtschaft sowie zum Wesen eines auf Zwang und Gewalt entstandenen und beruhenden Staates entweder gar kein Gehör finden oder aber hauptsächlich auf Unverständnis und sogar Aggression in der breiten Bevölkerung stoßen. Das liegt meines Erachtens daran, dass für die meisten freiheitsliebenden Individualisten, die Libertäre in der Regel sind, die Frage nach unseren über Dutzende Jahrtausende evolvierten »Mindsets« und damit verbunden Selektionsmechanismen keine (maßgebliche) Rolle spielt. Mitunter liegt dies daran, dass nach meiner Erfahrung auch Libertäre – wissent- oder unwissentlich – die Theorien des sogenannten »Standard Social Science Model« (»sozialwissenschaftliches Standardmodell«) vertreten, wenn es um menschliches Verhalten geht.

Ich möchte in dieser Kolumne auf charakteristische Prinzipien dieses Modells eingehen, um daraufhin in folgenden Kolumnen anhand der Beschreibung grundlegender Prinzipien der Evolutionspsychologie den scharfen Kontrast deutlich zu machen. Am Ende obliegt es jedem Leser selbst, was er als logischer oder wahrscheinlicher betrachtet.

Die meisten Sozialwissenschaftler erklären menschliches Verhalten auf eine mehr oder weniger typische Weise. Da Sozialwissenschaftler und ihre Theorien in der Regel einen großen Einfluss auf die breite Öffentlichkeit haben, ist diese Sichtweise auch für die Erklärung des menschlichen Verhaltens im Alltag der normalen Menschen charakteristisch. Was genau ist nun also jenes »sozialwissenschaftliche Standardmodell«? Eine Reihe von zusammenhängenden Grundsätzen kennzeichnet seinen Kern:

1. Der Mensch ist von der Biologie ausgenommen

Sozialwissenschaftler, die das »sozialwissenschaftliche Standardmodell« vertreten, wissen, dass die Biologie (und ihre Zweige wie zum Beispiel Zoologie, Ornithologie und Entomologie) das Verhalten aller anderen Arten in der Natur erklären kann. Dennoch machen sie eine Ausnahme für den Menschen als einzige Spezies, deren Verhalten nicht durch biologische Prinzipien und Theorien erklärt werden könne. Der menschliche Exzeptionalismus, also die Annahme, der Mensch habe eine Ausnahme- oder Sonderstellung, ist das Markenzeichen des sozialwissenschaftlichen Standardmodells. Viele Sozialwissenschaftler (und Libertäre) reagieren abgeneigt (oder desinteressiert) auf biologische Erklärungen des menschlichen Verhaltens. Dieser Grundsatz besagt, dass der Mensch eine Ausnahme in der Natur ist.

2. Die Evolution hört am Hals auf

Sozialwissenschaftler in der Tradition des »Standard Social Science Model«, die kaum oder gar nicht an biologische Einflüsse auf das menschliche Verhalten und die Kognition glauben, erkennen dennoch an, dass die menschliche Anatomie von der Evolution geformt wurde. Sie erkennen an, dass menschliche Körperteile wie beispielsweise Finger und Zehen aufgrund eines langen evolutionären Prozesses der natürlichen und sexuellen Selektion so sind, wie sie sind. Sie behaupten jedoch, dass die Evolution kaum oder keine Auswirkungen auf den Inhalt des menschlichen Gehirns und den menschlichen Geist hatte. Dieser Grundsatz besagt, dass das Gehirn eine Ausnahme im menschlichen Körper darstellt. Ich habe beispielsweise bereits erlebt, wie Leute vollkommen d’accord gingen, nachdem man ihnen sagte, man habe die Augenfarbe von der Mutter und die Hände vom Vater geerbt, hingegen belustigt und bisweilen schier empört reagierten, wenn man sagte, man habe seine Intelligenz ebenso maßgeblich von den Eltern (oder Großeltern) geerbt.

3. Die menschliche Natur ist »tabula rasa« (ein unbeschriebenes Blatt)

Infolge des obigen Prinzips 2 behaupten Sozialwissenschaftler in der Tradition des »Standard Social Science Model«, dass der Mensch mit einem Geist gleich einem unbeschriebenen Blatt geboren wird. Auch hier erkennen sie an, dass alle anderen Arten eine angeborene Natur haben: Hunde haben eine angeborene Hundenatur, die sie dazu bringt, sich mehr oder weniger gleich zu verhalten, unabhängig davon, wo sie leben oder welche individuellen Lebenserfahrungen sie gemacht haben, und Katzen haben eine angeborene Katzennatur, die sie ebenfalls dazu bringt, sich gleich zu verhalten, aber anders als Hunde. Das Gleiche gilt für alle Arten in der Natur – mit Ausnahme des Menschen. Der Mensch hat keine angeborene Natur, denn er wird mit einem leeren Gehirn geboren. Grundsatz 3 ist wie Grundsatz 1 ein Beispiel für den menschlichen Exzeptionalismus.

4. Das menschliche Verhalten ist fast ausschließlich ein Produkt der Umwelt und der Sozialisation

Da der Mensch nach dem »sozialwissenschaftlichen Standardmodell« keine angeborene menschliche Natur hat, die sein Verhalten steuert, muss der Inhalt der menschlichen Natur nach der Geburt festgelegt werden. Nach dem »sozialwissenschaftlichen Standardmodell« geschieht dies durch einen lebenslangen Sozialisationsprozess (Lernen durch Belehrung, Nachahmung, Kopieren und so weiter) durch die Sozialisationsinstanzen wie die Eltern, andere Familienmitglieder, Lehrer, andere Erwachsene in der Gesellschaft oder die Medien. Der Mensch wird durch die Sozialisation so, wie er ist. Die Sozialisation macht ihn zum Menschen. Insbesondere Männer und Frauen erwerben ihr typisch männliches und weibliches Verhalten durch geschlechtsspezifische Sozialisation. Aus diesem Grund wird das »sozialwissenschaftliche Standardmodell« auch als »Umweltmodell« bezeichnet. In der englischen Fachsprache verwendet man hierfür den Begriff »environmentalism«. Die meisten Sozialwissenschaftler glauben, dass die Umwelt und die Lebenserfahrungen das menschliche Verhalten fast vollständig formen und bestimmen.

Zugegeben, es handelt sich hier um eine etwas vereinfachte Darstellung des »sozialwissenschaftlichen Standardmodells«. Nicht alle Sozialwissenschaftler stimmen mit allen vier Grundsätzen überein, aber die meisten würden den meisten von ihnen weitgehend zustimmen – und viele stimmen allen zu. Jüngere Untersuchungen von Einführungslehrbüchern in Soziologie und Psychologie zeigen, dass die menschliche Evolution und ihre Auswirkungen auf das Verhalten nur sehr oberflächlich und oft unrichtig diskutiert und dargestellt werden.

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Quellen:

  • Barkow, Jerome H.: Missing the Revolution. Darwinism for Social Scientists. Oxford 2006.
  • Campbell, Anne: Staying Alive. Evolution, Culture, and Women’s Intrasexual Aggression, in: Behavior and Brain Sciences (22) 1999, S. 203-252.
  • Daly, Martin / Wilson, Margo: Homicide. New York 1988.
  • Ellis, Lee: A Discipline in Peril. Sociology’s Future Hinges on Curing its Biophobia, in American Sociologist (27) 1996, S. 21-41.
  • Pinker, Steven: The Blank Slate. The Modern Denial of Human Nature. London 2002.
  • Tooby, John / Cosmides, Leda: The Psychological Foundations of Culture, in: The Adapted Mind. Evolutionary Psychology and the Generation of Culture. New York 1992, S. 19-136.

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