Wie uns eine junge Wissenschaft beim Verstehen behilflich sein könnte oder: Mehr Evolutionspsychologie wagen!

Zunächst einmal wünsche ich allen Lesern der Freiheitsfunken ein gesundes, glückliches, erfolgreiches und zufriedenes neues Jahr.

Mit Neujahrsvorsätzen ist es ja immer so eine Sache. Nahm ich sie als Kind noch als traditionellen und dabei von harmlos bis augenzwinkernd und damit nicht wirklich bierernst daherkommenden Bestandteil eines ausklingenden Jahres wahr, so stelle ich seit einiger Zeit (»dank« sozialer Medien?) vermehrt einen gewissen Trend fest, wonach bereits die bloße Erwähnung eines möglichen Vorsatzes Aggressionen schürt. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich sofort wieder darauf hinweisen muss, dass es meiner Meinung nach Kennzeichen einer allgemeinhin unter Stress stehenden Gesellschaft ist, in einer Art Übersprunghandlung selbst auf Harmloses genervt bis aggressiv zu reagieren, während die »Wurzeln des Stresses« in Form eines die individuellen sowie sozioökonomischen Freiheiten immer weiter einschränkenden Gängel- und Nanny-Staates weitgehend unangetastet oder gar verteidigt werden. Doch abschütteln kann ich den Gedanken auch nicht. Jedenfalls ist es mittlerweile Standard, dass ich alle Jahre wieder massenweise Memes und Sprüche in Statusnachrichten lese, die auf die eine oder andere Weise aussagen, Neujahrsvorsätze seien der letzte Mist und man selbst habe schließlich alles so super gehandhabt, dass man einfach nur so weitermachen müsse wie bisher und einem bloß niemand etwas anderes erzählen möge.

Ich persönlich habe nichts gegen Neujahrsvorsätze. Gut, warum ausgerechnet immer nur zum Jahresende hin, könnte eingewendet werden. Aber ist das wirklich so? Nehmen wir uns nicht während des gesamten Jahres – und sei es nur unterbewusst – ­immer wieder Dinge vor, die wir ändern oder verbessern wollen? Mit dem Unterschied, dass wir eben nur am Jahresende explizit darauf hinweisen beziehungsweise darüber reden? Ich gehe sogar so weit und sage: Ich mag Neujahrsvorsätze. Keine gezwungenen freilich. Aber sich das eine oder andere mittel- bis langfristige Ziel zu setzen, auf das man hinarbeiten kann, ist nicht nur nichts Verwerfliches, Unnatürliches oder »Nerviges«, sondern gleichzeitig Bestandteil dessen, was (K-)Menschen tun: Planen, vorausschauen, vorausdenken und – ganz wichtig – auch entsprechend handeln. Gerade Letzteres erfordert beständige Arbeit und nicht zuletzt ein gewisses Maß an Disziplin, was der Grund dafür sein könnte, warum (r-)Menschen Aversionen dagegen hegen.

Neben einigen privaten Vorsätzen für das noch sehr junge Jahr 2023 habe ich mir vorgenommen, unter Zuhilfenahme der Evolutionspsychologie noch mehr über menschliche Verhaltensweisen und -muster zu lernen, was natürlich ebenso bedeutet, noch mehr über die ebenfalls noch relativ junge Wissenschaft in Erfahrung zu bringen. Letztere ist neben einigen anderen Faktoren auch der Grund, warum ich meine Internetpräsenz zunehmend zurückgefahren habe und auch weiter verringern werde. Ich bin mittlerweile fest davon überzeugt, dass die Tatsache, dass sich Auf- und Niedergänge ganzer Volkswirtschaften und Kulturen mit aufeinanderfolgenden Generationen zyklisch wiederholen, weder Zufall noch, wie das allgemeine Credo, »umweltbedingt« ist – jedenfalls nicht in erster Linie. Bücher wie »The Fourth Turning« von William Strauss und Neil Howe stehen in wunderbarem Einklang mit der r/K-Selektionstheorie, auch wenn sich die Autoren dieses Umstandes womöglich überhaupt nicht bewusst sein mögen.

Die Evolutionspsychologie wendet die Grundsätze der natürlichen Selektion nach Darwin auf die Erforschung des menschlichen Geistes an. Eine zentrale – und nach allem, was ich bisher dazu gelesen habe, vollkommen logische – Behauptung ist, dass sich das Gehirn und damit der Geist entwickelt hat, um Probleme zu lösen, mit denen unsere Jäger-und-Sammler-Vorfahren während des oberen Pleistozäns vor mehr als 10.000 Jahren konfrontiert wurden, einer Zeit, die auch als »Umwelt der evolutionären Anpassung« bekannt ist. Der Geist wird daher als mit artspezifischen »Instinkten« ausgestattet angesehen, die es unseren Vorfahren ermöglichten, zu überleben und sich fortzupflanzen, und die zu einer universellen menschlichen Natur führen. Diese Vorstellung steht in krassem Gegensatz zu der vieler anderer Sozialwissenschaftler, die den Geist als »unbeschriebenes Blatt« betrachten, das hauptsächlich durch einen Prozess des Lernens und der Sozialisierung in Form gebracht wird. Dem einen oder anderen wird der Begriff »Standard Social Science Model« sicherlich ein Begriff sein. Nach allem, was die Evolutionspsychologie zutage fördert, ist jenes allerdings nicht haltbar. Nachdem menschliche Verhaltensweisen mit biologischen Prozessen und evolutionär gewachsenen Entwicklungskapazitäten übereinstimmen, ist ein Kernbereich der evolutionspsychologischen Forschung die (menschliche) Sexualität respektive Sex.

Es ist, so unter anderem Matt Ridley, unmöglich, die menschliche Natur zu verstehen, ohne zu verstehen, wie sie sich entwickelt hat, und es ist unmöglich zu verstehen, wie sie sich entwickelt hat, ohne zu verstehen, wie sich die menschliche Sexualität entwickelt hat. Denn das zentrale Thema unserer Evolution war die Sexualität. Warum Sex? Sicherlich gibt es noch andere Merkmale der menschlichen Natur als diesen medial bisweilen überstrapazierten Fortpflanzungszeitvertreib. Sicherlich. Nur ist die Fortpflanzung streng genommen das einzige Ziel, für das der Mensch geschaffen wurde. Alles andere ist ein Mittel zu diesem Zweck. Der Mensch erbt die Tendenz zu überleben, zu essen, zu denken, zu sprechen und so weiter. Vor allem aber erbt er die Tendenz zur Fortpflanzung. Diejenigen ihrer Vorgänger, die sich fortpflanzten, gaben ihre Eigenschaften an ihre Nachkommen weiter. Diejenigen, die unfruchtbar blieben, taten dies nicht.

Daher wurde alles, was die Chancen einer Person auf erfolgreiche Fortpflanzung erhöhte, auf Kosten von allem anderen weitergegeben. Wir können getrost behaupten, dass es in unserer Natur nichts gibt, das nicht auf diese Art und Weise sorgfältig »ausgewählt« (selektiert) wurde, um zum möglichen Fortpflanzungserfolg beizutragen. Dies scheint eine erstaunlich anmaßende Behauptung zu sein. Sie scheint den freien Willen zu leugnen (oder diejenigen zu ignorieren, die sich für Keuschheit entscheiden) und den Menschen als programmierten Roboter darzustellen, der nur auf Fortpflanzung aus ist. Es scheint zu implizieren, dass Mozart und Shakespeare nur durch Sex motiviert waren. Ich kenne jedoch keine andere Möglichkeit, wie sich die menschliche Natur entwickelt haben könnte, als durch Evolution, und es gibt inzwischen überwältigende Beweise dafür, dass die Evolution nur durch konkurrierende Fortpflanzung funktioniert. Diejenigen Stämme, die sich fortpflanzen, überleben. Diejenigen, die sich nicht fortpflanzen, sterben aus. Die Fähigkeit, sich fortzupflanzen, unterscheidet die Lebewesen von den Felsen.

Außerdem – und das ist vor allem für Libertäre ein wichtiges Anliegen – steht diese Sicht des Lebens nicht im Widerspruch zum freien Willen oder gar zur Keuschheit. Ridley betont, dass der Mensch entsprechend seiner Fähigkeit, Initiativen zu ergreifen und individuelle Talente auszuüben, gedeiht. Aber der freie Wille wurde nicht zum Spaß erschaffen. Es gab einen Grund dafür, dass die Evolution unseren Vorfahren die Fähigkeit gab, Initiativen zu ergreifen, und der Grund war, dass der freie Wille und die Initiative Mittel sind, um den Ehrgeiz zu befriedigen, mit anderen Menschen zu konkurrieren (!), mit den Notlagen des Lebens umzugehen und so schließlich in einer besseren Position zu sein, sich fortzupflanzen und Kinder aufzuziehen als Menschen, die sich nicht fortpflanzen. Daher ist der freie Wille selbst nur in dem Maße ein Gut, wie er zur möglichen Fortpflanzung beiträgt.

Das Interessante an evolutionspsychologischen Erklärungsmodellen besteht meines Erachtens nicht nur darin, den außer Rand und Band geratenen und sich trotzdem immer noch stetig verschlimmernden Polit-Irrsinn (besser) nachvollziehen zu können, sondern darüber hinaus auch Begebenheiten innerhalb unseres ganz gewöhnlichen Alltags und zwischenmenschlichen Beziehungen, von Dating über Shopping bis hin zum Beten. Selbst bezüglich des Umstands, dass manche Eltern nur Töchter oder nur Söhne bekommen, liefert sie stichhaltige Gründe und Erklärungen.

Gerne werde ich in diesem Jahr nach und nach auf alles näher eingehen. 


Dieser Artikel erschien zunächst auf Freiheitsfunken.info.
Bildquelle: Shutterstock

Literatur:

  • Philipp A. Mende: Widerstand. Warum zwischen linker und rechter Politik eine Schlacht der Gene wütet.
  • Matt Ridley: The Red Queen. Sex and the Evolution of Human Nature.

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