Über alten und neuen Glauben

Jede (Ersatz-)Religion verfügt über feste Symbole, welche Zugehörigkeit repräsentieren und dem (Ersatz-)Gläubigen ein gutes und beruhigendes Gefühl verleihen (sollen). Das Beten vor dem Schlafengehen ist ein symbolischer Akt, der dem Gläubigen Hoffnung, Mut und Sinn spenden kann. Kruzifix, Kopftuch, Davidstern, Mjölnir, Pentagramm etc. sind weitere Beispiele. Es gibt keinerlei wissenschaftliche Evidenz, dass (ersatz-)religiöse Symbole eine faktisch messbare Auswirkung oder Veränderung der objektiven Realität herbeiführten, jedenfalls keine, die über die Beeinflussung des individuellen Wohlbefindens (Gefühls) hinausginge. Das ist meiner Meinung nach völlig in Ordnung. (Ersatz-)Gläubige können ihre Symbole meinetwegen für unabdingbar erachten. Ich freue mich sogar, wenn sich Leute dadurch wohler fühlen mögen. Solange mir keiner von ihnen irgendeines seiner »Wohlfühl-Symbole« unter der Androhung von (Staats-)Gewalt aufzwingt, können wir den lieben (Ersatz-)Gott jederzeit einen guten Mann sein lassen.

Im Zuge des Niedergangs klassischer Religionen (um genau zu sein: einer) – und ich schrieb mit ähnlichem Bezug u.a. in »Die Nihilismus-Party« darüber – bei gleichzeitigem Heraufziehen neuer, aggressiver Ersatzreligionen erkennen wir, wie sich eine über Jahrhunderte erkämpfte Säkularisierung schrittweise umkehrt. Die Rolle der Kirche übernimmt der Staat, der somit sukzessive und simultan den Gewaltmonopolisten und obersten Verkünder des Glaubens verkörpert. Eine Religion kennzeichnet(e) sich u.a. durch den bedingungslosen Glauben (Wunsch) an bzw. den Ruf nach einem wie auch immer gearteten Soll-Sein. Es bedarf ferner Dogmen, Heilige/Ketzer, Gebote, Strafen und Symbole. Gläubige waren und sind seit jeher zudem stets die absolute Mehrheit (gewesen).

Es verwundert von daher eigentlich kaum, dass wir, sowie wir vor die Tür treten, gegenwärtig erleben, was wir erleben. Ein Unterschied zum klassischen Glauben ist lediglich ein neuer, postmoderner Anstrich. Der Wohlfahrtsstaat und all seine Implikationen sind »richtig« und alternativlos (Dogma). Heiligen sollte gehuldigt, vor allem aber GEGLAUBT werden (Merkel, Schwab, KP, Greta, Drosten usw.). Umgehendes und rigoroses Handeln zur Abwendung einer neo-biblischen Plage (»Pandemie«) und Naturkatastrophe (»Klimakrise«) sind die GEBOTE der Stunde. Eine evidenzbasierte Abweichung vom Mehrheitsglauben oder gar offener Widerstand von Individuen (Ketzer) habe(n) negative Auswirkungen auf deren Beruf, Reputation etc. (Strafe) und/oder möge(n) gar zum Ausschluss aus der Gemeinschaft führen (»Exkommunikation 2.0«).

Das gegenwärtig jüngste Symbol eines neuen (Aber-)Glaubens ist die Maske, hinter der sich die Menschen weltweit – so das Gebot – verbergen (müssen). Ich zitiere mit leicht abgeändertem Vokabular einen intelligenten Bekannten, um den Punkt dieses Kommentars zu verdeutlichen: Wer allen Ernstes meint, dass eine Maske einen Partikel aufhält, der rund 100 Milliardstel Meter, also rund 100 Millionstel Millimeter groß ist, ist schlicht (aber-)gläubig. Es mag ja noch angehen, dass jemand, der erkältet ist (Grippe) und dementsprechend viel niesen muss, etwas im Gesicht trägt (wobei das Nicht-Tragen im Westen – bisher zumindest – weder zu Prohibition noch Inquisition noch »Fegefeuer« führte), aber selbst dann nutzt die Maske nicht wirklich. Ein Chirurg trägt eine Maske nur, damit kein Schweiß, Bartstoppel, Speichel oder eine Hautschuppe in eine offene Wunde gerät.

Nochmal: Es geht bei (ersatz-)religiöser Symbolik nicht um harte Evidenz – was erklärt, warum letztere – »damals« wie heute kein oder so gut wie kein Gehör findet/finden darf bzw. nicht in postmoderne (Glaubens-)Runden eingeladen wird. Vielmehr geht es um den Glauben, das GEFÜHL, »etwas« zu tun, das sinnvoll ist, Mut macht, Hoffnung spendet und Zugehörigkeit SYMBOLISIERT. Der entscheidende und meines Erachtens gefährlich-unterschätzte Unterschied zu herkömmlichen Symbolen ist anno 2021 der dahinterstehende Zwang, der eine neue Blaupause für alte (staatsreligiöse) Gräuel im »neuen« Gewand markieren könnte.


Foto: © Francis Wong (KNA)

Ein Kommentar zu „Über alten und neuen Glauben

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