Gedanken zu Corona

Es scheint in der gegenwärtigen Situation schier unmöglich geworden zu sein, noch normal miteinander kommunizieren zu können, wenn es um die aktuelle Krise geht. Was auch immer geäußert wird, irgendeine Seite verfällt in Schnappatmung. Die Nerven liegen blank. Der Stresslevel hat den roten Bereich auf den Armaturen erreicht.

Rationale Argumente, empirische Untersuchungen, statistische Erhebungen oder Vergleiche – alles wird in einem emotional durch und durch aufgeheizten Klima eines sich im Untergang befindenden Systems ausgelegt, wie es die eigene Psychohygiene augenblicklich benötigt: Als Verharmlosung, Apologie, Hysterie, Voreingenommenheit – in jedem Falle aber als Provokation.

Ich persönlich – seit nunmehr bald sieben Jahren in China lebend und beinahe alle Provinzen besucht habend – stehe dadurch, dass ich eingehend mit den hiesigen Gepflogenheiten hüben wie drüben vertraut bin und als Historiker ebenso viel Zeit in das Studium der jeweiligen Geistes- und Kulturgeschichte investiert habe, seit jeher zwischen den Stühlen. Ich liebe die Vorteile aus jeder Welt und kritisiere die Nachteile. Das ist freilich nichts Außergewöhnliches.

Dieser Umstand führt in der Praxis jedoch regelmäßig dazu, dass sich irgendwer ganz fürchterlich auf den Schlips getreten fühlt. Für diverse Chinesen, mehr noch aber einige Kollegen, (ehemalige) Weggefährten oder „User“ bin ich ein „Scheißkapitalist“, der doch nicht allen Ernstes ein gutes Haar an den Vereinigten Staaten lassen könne, würden diese doch regelmäßig „die Welt erpressen und ausbeuten“. Allerdings wäre die Welt ohne „den Westen“ und insbesondere die USA meines Erachtens ein tristerer, vor allem aber weniger entwickelter Planet. Die Gründe hierfür sollen jetzt nicht aufgeführt werden. Die Stunden, in denen ich mich in meinem privaten chinesischen Umfeld kritisch über diverse Begebenheiten in China ausgelassen und mitunter sehr angeregte, manchmal hitzige Diskussionen geführt habe, sind mittlerweile nicht mehr zählbar.

Verhält es sich jedoch umgekehrt, indem ich positive Seiten Chinas hervorhebe und auch gegen (meist historisch nicht haltbare) Falschbehauptungen verteidige, tritt das andere Grüppchen mit Schaum vorm Mund hervor. Plötzlich bin ich nicht mehr „Scheißkapitalist“, sondern „undifferenziert“, „vom System gekauft“ und selbstverständlich ausschließlich subjektiv in meiner Betrachtung allgemeiner Entwicklungen.

Man sollte annehmen, es sei eigentlich selbstverständlich, dass ich weder das eine noch das andere bin. Im engsten Kreis weiß man darum natürlich Bescheid, entsprechend ergiebig und konstruktiv sind dann auch Unterhaltungen. Beim Rest ist es ein wenig wie mit den etlichen politischen Lagern, aus deren Zentren mich reihum die irrsten und wildesten Anklagen erreichten und erreichen. Für Linke bin ich rechtsextrem, für Rechte, Identitäre und/oder Patrioten ein Vaterlandsverräter. Für Libertäre bin ich Etatist, für wieder andere zu ruhig, geduldig und zurückhaltend, für diverse andere Trolle hingegen gar menschenverachtend und arrogant. It goes on and on.

So what? Mein persönlicher Schluss lautet: Alles richtig gemacht. Es gibt ein wunderbares Zitat von der brillanten Ayn Rand, an das ich bei all dem Gekeife häufig denken muss:

„Einige der falschen Darstellungen mögen unabsichtlich sein, da einige Leute es schwierig finden, neue Ideen zu begreifen, ganz davon abgesehen, sie korrekt wiederzugeben. Aber die meisten Falschdarstellungen sind absichtlich, da ein Versuch, einem Schriftsteller das genaue Gegenteil seiner Ideen zuzuschreiben, kaum als unschuldiger Fehler angesehen werden kann. Es gibt viele solche Versuche, und einige von ihnen sind noch recht aktuell. Wer sie glaubt, verdient sie. Mike Wallace fragte mich einmal in einem Fernsehinterview, was ich von solchen Taktiken hielte. Ich sagte, dass ich einer Zeile aus Kiplings Gedicht ‚Wenn…‘ zustimme: ‚Wenn du die Worte, die du mal gesprochen, aus Narrenmäulern umgedreht vernimmst…‘, dann macht mir das nichts. Es sind nicht die Narren, die ich ansprechen will.“

Ich bin mir also im Klaren darüber, dass die folgenden Gedanken bezüglich der aktuellen Corona-Seuche stets irgendwen bis zum Anschlag „triggern“ wird. Ist aber irrelevant. Zur Verdeutlichung werde ich an entsprechenden Stellen hinzufügen, wo sich irgendeine Seite erfahrungsgemäß sofort „provoziert“ fühlen wird.

Meine persönlichen Erfahrungen in China decken sich relativ gut mit anderen Bekannten, die diese Epidemie ebenfalls hierzulande erleben – oder, optimistisch gesprochen, bald überstanden haben. Insgesamt befinde ich mich mit meiner Familie nunmehr seit sieben Wochen in Quarantäne. Das Virus hatte nicht lange Zeit benötigt, um auch in der Hauptstadt einzutreffen – von Wuhan aus eine beinahe doppelt so weite Distanz wie beispielsweise zwischen Bayern und Norditalien, was mich bereits vor Wochen skeptisch machte, wieso die Sache offenbar kaum irgendjemand in Deutschland ernst nahm. Erfahrungsberichte aus Italien klingen eins zu eins so wie meine eigenen, mit dem Unterschied, dass ich (und natürlich nicht nur ich!) bereits fünf Wochen zuvor davon berichtet hatte. Welche Maßnahmen, welche Vorkehrungen wurden getroffen?

Ich erlebe gegenwärtig, wie unter dem Deckmäntelchen der reinen „Systemkritik“ oder trotz irgendwelcher Lippenbekenntnisse einige Zeitgenossen oder „Freunde“ ganz unverhohlen ihren Hass und – ich sage es ganz gewiss nicht leichtfertig – ebenso eine rassistische (und damit kollektivistische) Grundhaltung gegenüber alles Chinesischen zur Schau stellen. Sie tun das völlig ungeniert und in einigen Fällen im vollen Bewusstsein, dass ich mit einer Chinesin (im Übrigen aus Wuhan) verheiratet bin. Na meinetwegen. Können sie tun. Eigentlich sollten solche Leute ganz, ganz still sein, wenn es um Ausführungen zum Kollektivismus geht. Dafür müsste einem jedoch überhaupt erstmal einer der vielen Widersprüche auffallen. Hier sind zwei meiner Favoriten:

  1. Einerseits aus Leibeskräften auf China eindreschen, dass es das wahre Ausmaß der Corona-Katastrophe mit gefälschten Zahlen unterdrückt, andererseits jeden zur Sau machen, der vor einem zu leichtfertigen Umgang warnt und zur individuellen Vorsorge (inklusive Selbst-Quarantäne) rät, weil man damit ja nur der New World Order auf den Leim gehe. Was denn nun? Bei solchen Stilblüten braucht man Nerven wie Drahtseile oder jede Menge Humor.
  2. Einerseits jede persönliche (vorübergehende!) Einschränkung der persönlichen Bewegungsfreiheit als die Ausgeburt blanken, totalitären Terrors und brachialer Willkür brandmarken, sich andererseits aber darüber echauffieren, dass der Chinese (selbstverständlich an sich) nicht sofort und umgehend an eben dieser Bewegungsfreiheit gehindert wurde und in andere Länder fliegen durfte.

Woran man erkennen kann, dass jemand letztlich nur billiges China-Bashing (als Ganzes) betreibt? Genau an denselben Merkmalen, an denen man erkennt, dass jemand Antisemit ist. Das, was anderen „Volksgruppen“ durchgelassen wird, wird Juden (bzw. Chinesen) nicht durchgelassen bzw. nicht ohne Hohn, Spott, Rachegelüsten und Wut. Unter jedem Grashalm wittert man die „kommunistische Weltverschwörung“. Vielleicht ist da sogar irgendwas dran, aber warum gerade jetzt und warum wegen Corona? War die Spanische Grippe auch eine kommunistische Weltverschwörung? Oder EHEC? Oder H1N1? Oder MERS? Wie gesagt, es kommt für diese Leute nur darauf an, WO ein Unheil seinen Ursprung hat oder WER gegenwärtig an der jeweiligen Spitze eines Landes steht. Bezogen auf China wird augenblicklich von nicht wenigen aufgrund der unerträglich dummen und fahrlässigen Aktion einer oder mehrerer Individuen in Wuhan ein gesamtes Land in Sippenhaft genommen, ungeachtet des Umstandes, dass es (zumindest bisher) selbst nach wie vor am stärksten davon in Mitleidenschaft gezogen wurde und sich viele Wochen verzweifelt dagegen gestemmt hat.

Hygiene ist nach wie vor ein riesiges Problem in China und ich kritisiere diesen Umstand, seitdem ich hier wohne. Chinesen gehen im Allgemeinen mit Hygiene genauso unbedarft und blauäugig um wie mit ihren persönlichen Daten. Das wiederum ist meines Erachtens auf die katastrophale Zeit unter Mao zurückzuführen, als die (im Übrigen aus Deutschland importierte) Ideologie des Kommunismus zu Massenverhungern führte und Chinesen gezwungen waren, die mitunter ausgefallensten Tiere zu essen (z.B. Fledermäuse). Es ist sehr leicht, sich heute darüber lustig zu machen, aber der historische Hintergrund ist ein sehr tragischer. Bis heute hat sich diese Praxis ins Verständnis von Chinesen eingebrannt, auch wenn nur eine verschwindend kleine Minderheit derart „Exotisches“ konsumiert (ähnlich wie mit den Hunden).

In diesem sehr sehenswerten Clip vom 27. Februar analysiert und vergleicht ein Amerikaner allgemeine Maßnahmen, Zeitabstände, Infektionen etc. zwischen Corona und H1N1. Diejenigen, die China völliges Versagen und gar eine „kommunistische Attacke“ vorwerfen (ungeachtet des nicht ganz so logischen Umstandes, sich selbst zu dezimieren), müssten fairerweise erklären, welche „vorsätzliche Attacke“ sich vor einigen Jahren hinter H1N1 verbarg und in welchem Verhältnis die „frisierten Zahlen in China“ zu den „tatsächlichen“ von damals stehen:

Natürlich sollte vollkommen klar sein, dass H1N1 weltweit medial völlig anders dargestellt worden wäre, wenn zu jenem Zeitpunkt nicht Obama, sondern Trump Präsident gewesen wäre. Von daher schrieb ich oben, es komme eben darauf an, WO das Unheil (wie eine Pandemie) seinen Anfang nimmt und UNTER WEM. Ich warte eigentlich nur darauf, dass die üblichen, moralisch flexiblen Mainstream-Blätter Trump für Corona verantwortlich machen. Entweder das oder eine „kommunistische Attacke zum Ziele der chinesischen Weltherrschaft“. Darunter geht nichts. Epidemien oder Pandemien können mittlerweile unmöglich mehr „nur“ eine furchtbare Angelegenheit darstellen, die man am besten gemeinsam bekämpft. – Nein, es müssen heutzutage grundsätzlich mindestens noch die Illuminaten, Freimaurer, Reptiloiden und weiß der Teufel noch wer mit im Boot sitzen. Oder eben China. Wer leise Zweifel kundtut oder gar handfeste Beweise und in sich konsistente Argumentationsketten haben möchte (zum Beispiel anhand eines kulturgeschichtlichen, psychologischen Musters), ist nur zu „naiv“, um dieses monströse, hochkomplexe Was-auch-immer zu begreifen. (Nur der historisch ahnungslose Schreihals ist im Bilde.)

Ein kleiner Exkurs: China hatte in seiner 8000 Jahre währenden Geschichte immer wieder die Chance, fremde Länder zu kolonisieren. Stets wurde darauf verzichtet. Allein die Flotte der Ming-Dynastie war größer als sämtliche europäische Flotten zusammengenommen. In sieben großen Überfahrten wurde nicht ein fremdes Land „besetzt“, obwohl es ein leichtes gewesen wäre. Der Grund besteht in Chinas Hauptphilosophien (Konfuzianismus, Taoismus, Buddhismus), die dem Land stets als moralischer Kompass dienten und nach wie vor dienen. Erst wenn diese durch die kommunistische Ideologie verdrängt werden würden, so meine Einschätzung, sollte sich der Rest der Welt ernsthaft Sorgen machen. Allerdings sehe ich hierfür keine Anzeichen. Nicht einmal Mao und 70-80 Millionen Tote vermochten die evolutionär gewachsenen und tief in Sitte, Kultur und Genetik eingebrannten Philosophien zu verdrängen. Eine Befragung unter chinesischen Schülern (also jungen Leuten) ergab, dass Konfuzius nach wie vor als ideologisch wichtigster und einflussreichster Chinese gilt.

Bei den Feierlichkeiten zum 15. Jahrestag der Wiedervereinigung Macaus mit der Volksrepublik China im Dezember 2014 fügte Xi Jinping dem seit 2013 von der Propagandaabteilung der KPCh weit verbreiteten Konzept Hu Jintaos das Vertrauen in die eigene Kultur (文化自信) hinzu, die die Basis für die drei anderen Formen des Selbstvertrauens ( = Sozialismus chinesischer Prägung, eigene Theorien, eigenes System) bilde. Irgendeinen Grund muss es geben, warum dieses Land über Jahrtausende hinweg niemals untergegangen ist. Ein ausschlaggebender besteht meines Erachtens in dem (friedlichen) Umgang mit dem Ausland. Nichts davon ficht China-Hasser an. Nichts davon wollen sie hören und wissen. Für sie ist China Kommunismus und nichts sonst. Alles Verbrecher. Ihre Einwohner hörige Lemminge. Ein Höllenloch eben. Ende der Durchsage. Da können sich Leute wie ich, Stefan Baron oder Gunnar Heinsohn die Münder fusselig reden bzw. die Finger wund schreiben. Dass ich und (erneut) etliche Millionen andere Chinesen mit hoher Wahrscheinlichkeit gegenwärtig nicht mehr am Leben wäre, sofern es sich um den klassischen Kommunismus nach marxistischem Vorbild handelte, tangiert die einseitig „Kritischen“ ebenfalls nicht. Ich und viele andere wären angesichts der aktuellen Lage mittlerweile nämlich verhungert, nachdem die Regale in den Supermärkten nach kurzer Zeit leer gewesen wären (siehe Venezuela). Stattdessen gab es zu keinem Zeitpunkt Versorgungsengpässe in Sachen Lebensmitteln, jedenfalls keine, die der Rede wert wären, nicht einmal in der Katastrophenprovinz Hubei, wo insgesamt rund 20 Verwandte meiner Frau und mehrere befreundete Ärzte und Krankenschwestern eingekesselt sind. (Es gab sogar durchgehend Klopapier!)

Und damit zurück zum aktuellen Dilemma.

Insgesamt sagen die offiziellen Zahlen in China, dass die Infektion quasi gestoppt ist – es gibt außerhalb Hubeis seit etwa dem 4. März keine Neuinfektionen mehr. Inwieweit man dem glauben darf/will/kann/soll, wage ich nicht zu beurteilen. Aber aus meiner Perspektive hat die chinesische Regierung relativ rasch extrem aggressiv und konsequent alles daran gesetzt, die Infektionsketten zu stoppen und das ist letztlich (relativ) gut gelungen. (Ein Beispiel sieht der geneigte Leser hier: Ein japanischer Reporter berichtet aus Nanjing. Ich kann bestätigen, dass die Angelegenheit in Beijing auf dieselbe Weise gehandhabt wird.) Dabei hatte Chunjie (das chinesische Neujahrsfest) einerseits zwar den großen Nachteil, dass im Land unglaublich viel gereist wird (vergleichbar etwa mit Thanksgiving in den USA), andererseits fährt China zu diesem Zeitpunkt einmal pro Jahr komplett herunter. Es ist sehr viel einfacher, den Unternehmen zu sagen, geschlossen zu bleiben, als bei laufendem Betrieb zu befehlen: „Ihr macht jetzt zu.“

Dazu kommt, dass man in China dank SARS Erfahrung mit dem Thema hatte: Kurze Zeit – ich würde sagen, zwei bis drei Tage, nachdem offenbar wurde, dass es eine neue Virusepidemie gibt, gingen die Menschen in Beijing, Shanghai, Guangzhou usw. nur noch mit Maske aus dem Haus und auch die sozialen Kontakte wurden extrem schnell heruntergefahren. Das alles trug auch dazu bei, dass die Infektionsketten unterbrochen wurden. Deutschland ist davon weit entfernt.

Ich kann nicht wirklich beurteilen, ob die Maßnahmen der Situation angemessen waren/sind. Das Problem bei all diesen Dingen ist (insbesondere in Ländern, die die Leute als „demokratisch“ interpretieren) Folgendes: Reagiert die Politik früh und stark, gibt es kaum ein Problem (siehe Taiwan: die haben die Grenzen am 2. Februar geschlossen: 55 Infizierte und ein Toter), aber unglaublich viele Leute werden dir erklären, dass die Maßnahmen völlig übertrieben waren und nur Panik geschürt wurde. Reagiert man zu spät, steigen die Todesfälle und es kommt erst recht zu einer Panik.

Am Ende ist es schwierig zu sagen, was letztlich schwerer wiegt: Einige tausend/zehntausend zusätzliche Tote oder der wirtschaftliche Schaden + eine schwer abschätzbare Zahl an Toten wegen Ausfall von Lieferketten, Vermögensverlusten usw. usf. – Ethische Dilemmata, die sich kaum auflösen lassen, solange Zwangspolitik nach wie vor als „alternativlos“ betrachtet wird. Etliche Libertäre scheinen außer Aluhut-Stories und wirrem Individualitätsgefasel auf diese Fragen keine Antworten zu haben. Dabei gäbe es gerade die Antwort der individuellen Verantwortung: Nicht nur sich selbst durch vernünftiges Handeln und Vorsorge schützen, sondern auch die anderen Mitglieder der Gesellschaft – z.B. indem man in der Öffentlichkeit eine Maske trägt und soziale Kontakte einschränkt. Stattdessen hört man völlig unausgegorenen Blödsinn und „Ich hab keine Angst vor Corona!“ oder „Das ist alles nur Hysterie!“ (Ich persönlich, könnte ich mir aussuchen, in welcher Gesellschaft ich leben möchte, würde in jedem Falle eine wählen, die tödliche Viren ernst nimmt, meinetwegen auch „zu ernst“.)

Ist es nicht erstaunlich, dass der Grad an individueller Gefahrenerkennung und entsprechendem Handeln im vordergründig kollektivistischen China wesentlich höher ist als in Europa? Das liegt an dem kaum zu entkräftenden und sich hartnäckig in den Köpfen haltenden Missverständnis, wonach Chinesen kollektivistisch ticken. Die Wahrheit ist jedoch: Chinesen werden nicht kollektivistisch erzogen, wie im Westen oft fälschlicherweise angenommen, sondern relationalistisch, genauer: familistisch. (Ein weiterer Grund, warum die Kultur noch niemals unterging.)  Die Qin-Dynastie hat ebenso wie zwei Jahrtausende später Mao versucht, die Menschen in einem kollektiven Geist zu erziehen. Beide sind damit gescheitert. Die Familie erwies sich immer als stärker. Mit Familie sind dabei nicht allein Eltern und Kinder gemeint, sondern die Sippe, also ein größerer Kreis, der sich auf eine gemeinsame Abstammung berufen kann. Manchmal umfasst dieser ein ganzes Dorf, in dem alle denselben Nachnamen tragen und einen gemeinsamen Ahnenschrein unterhalten. In der Familienüberlieferung und Ahnenverehrung leben die Verstorbenen auch nach dem Tode fort. Familienchroniken werden in China deshalb besonders gepflegt und reichen oft über viele Jahrhunderte zurück. Die Ahnenverehrung im Familientempel ist eine quasi-religiöse Betätigung. Familie ist für Chinesen Religionsersatz, Schutzraum und Sozialsystem in einem. Und ich erlebe es hier gerade unmittelbar: Hier stemmt sich ein komplettes Land mit aller Macht gegen einen unsichtbaren Feind. Die jahrtausendealten, chinesischen Überlebensstrategien greifen auch jetzt und es ist unglaublich spannend, das am eigenen Leibe mitzuerleben, so furchtbar die Lage auch ist. Familien rücken zusammen, Menschen solidarisieren sich untereinander, etliche Leute richten online Hilfsfonds und Spendenkonten ein (auch meine Frau), alles ganz ohne Staat und „Sozialhilfe“.  

Und dann schaut man ins völlig planlose Deutschland. Alle zerfleischen sich, jeder ist jetzt wieder Bundestrai…, Verzeihung, Virologe und schlauer als der Rest, Wohlstandsverwahrloste regen sich darüber auf, evtl. auf das 97. Konzert einer Band verzichten zu müssen, die sie schon zehnmal gesehen haben, andere treffen sich zum fröhlichen Weißwurstessen, als geschehe gegenwärtig nicht das Geringste. Es ist zum Wahnsinnigwerden. Ihr lebt in einem gespaltenen und kollabierten Land, das sich seinen Untergang redlich verdient hat. Wenn halt nicht die wenigen Anständigen und Vernünftigen von den Idioten mit in den Abgrund gezogen werden würden, zumal sukzessive alle verbliebenen, rationalen Stimmen brutal niedergebrüllt, ausgegrenzt, ignoriert oder dämonisiert wurden und werden.

Bei einer Pandemie muss man immer vom worst case ausgehen! Wenn dann alles nicht so schlimm kommt, umso besser! Aber was, wenn nicht?

Ich gehe davon aus, dass hier in China die Sache bis Mai ausgestanden ist, dann wird euch der Peak womöglich gerade erst bevorstehen. Buntland hat halt das Pech, seit sehr langer Zeit mit einer extrem inkompetenten Führung ausgestattet zu sein. Ich bin mir sicher, dass jemand wie Helmut Schmidt da sehr viel schneller, besser und präziser reagiert hätte. China hat der Welt durch seine harte Reaktion Zeit erkauft – die hätte man nutzen können. Auch hätte man sich 2002 nach SARS theoretisch einmal informieren können, wie das ablief, worauf man sich einstellen kann usw. usf.

Südkorea hat das gemacht. Die haben zwar hohe Zahlfallen, aber sehr wenig Todesfälle (über 8.000 Infizierte, aber nur 75 Tote), weil sie nach SARS entsprechende Notfallprogramme aufgelegt und regelmäßig trainiert haben. Südkorea liefert vermutlich die besten und vertrauenswürdigsten Zahlen, sie testen extrem viel und genau, die Bevölkerung ist vorbreitet, die Ärzte geschult. Taiwan hatte ich auch schon erwähnt.

Hierarchien entstehen normalerweise dank Kompetenz – in Deutschland aber sehen wir, dass fast auf allen Ebenen nicht Kompetenz der entscheidende Schlüssel ist, sondern die Zugehörigkeit zu den richtigen Netzwerken, der richtigen Ideologie usw. – im Gegenteil: wer kompetent ist, wird ausgebremst, vertrieben, aufs Abstellgleis geschoben. Die Erosion des Vertrauens läuft und läuft. Gesellschaften mit niedrigem Vertrauenslevel sind verheerend – da will man nicht leben, weil alle Transaktionskosten so hoch (zu hoch) sind. Es war einer der ganz großen Vorteile Deutschlands, dass es sich einst um eine Gesellschaft mit extrem hohem Vertrauenslevel handelte. Das wurde und wird seit ca. 20 Jahren sukzessive zerstört, extrem exzessiv seit rund fünf Jahren.

Hierarchien haben immer Bestand und werden immer auftauchen, weil sie ein natürlicher Bestandteil von Gesellschaften (nicht nur menschlicher) sind. Die Frage ist: Worauf basiert die Hierarchie und worauf ist sie ausgerichtet: Auf sich selbst oder auf das Ganze? Geht es um reinen Machterhalt oder (echtes) „Gemeinwohl“? Geht es um echte Kompetenz oder Gruppenzugehörigkeit?

Am Ende sehen wir eine stete Spirale und es braucht scheinbar diese schlimmen Krisen zur Katharsis und Reinigung (siehe: Die vier Generationen); und nachdem die Hierarchie aus Gründen des Machterhalts diese Reinigung seit nunmehr mindestens 1987 vor sich herschiebt, wird das finale Reinmachen recht groß ausfallen müssen.

Bitte nehmt die gegenwärtige Pandemie ernst. Was könnt ihr schon verlieren, wenn ihr vorsichtig seid und euch wappnet? Gar nichts. Erweist sich am Ende alles als halb so wild, ist das großartig. Im schlimmsten Fall musstet ihr dann eben ein paar Wochen auf dies und das verzichten. Wäre das wirklich ein Weltuntergang?

Was euch hingegen im schlimmsten Falle blühen könnte (und vieles spricht dafür), wenn ihr das alles nur als „Hysterie“ und „Panikmache“ abtut, beschrieb Martin Motl kürzlich auf sehr ansehnliche Weise:

China hat das Coronavirus durch drastische Maßnahmen vorerst weitgehend besiegt, siehe erste Grafik. Seit zwei Wochen meldet das Land fast keine neuen Infektionen.

An den Zahlen gab es zunächst Zweifel, aber inzwischen werden die provisorischen Krankenhäuser in Wuhan wieder abgerissen. Mehrere Provinzen bereiten sich auf ein Ende der Ausgangssperren und den Wiederbeginn des Alltags vor. Nun bietet China sogar an, Italien mit Tausenden Testkits, Schutzausrüstungen und Beatmungsgeräten auszuhelfen.

Die nächste Grafik („Chart 7“) ist superwichtig. Sie illustriert die Entwicklung des Infektionsgeschehens, wie viel die Behörden zu welchem Zeitpunkt wussten und welchen Effekt ihre Maßnahmen hatten.

Die orangefarbenen Balken stellen die täglichen offiziellen Fallzahlen in der Provinz Hubei dar: Bei wie vielen Menschen am jeweiligen Tag Covid-19 diagnostiziert wurde. Die grauen Balken sind dagegen die tatsächlichen täglichen Infektionen. Das chinesische CDC ermittelte diese Zahlen durch Befragung von Patienten, wann ihre Symptome begannen. Kurz gesagt zeigen die orangenen Balken, was offiziell bekannt war und die grauen Balken, was tatsächlich passierte. Am 21. Januar 2020 explodierte die Zahl der neu diagnostizierten Fälle (orange): Etwa 100 neue Infektionen wurden bekannt. Tatsächlich gab es an diesem Tag aber 1.500 neue Fälle. Und die Zahl der Neuinfektionen wuchs exponentiell weiter. Das wussten die Behörden aber nicht. Sie sahen bloß, dass es plötzlich 100 weitere Fälle dieser neuen Krankheit gab.

Zwei Tage später, am 23. Januar, erklärten die Behörden Wuhan zur Sperrzone. Zu diesem Zeitpunkt betrug die Zahl der täglich neu diagnostizierten Fälle ca. 400. Tatsächlich gab es aber 2.500 neue Fälle an diesem Tag, ohne dass die Behörden das wussten. Einen Tag später wurden 15 weitere Städte in Hubei abgeriegelt.

Schaut euch die Entwicklung der grauen Balken bis zum 23. Januar genau an – dem Tag der Abriegelung Wuhans. Die tatsächlichen Infektionszahlen explodierten. Exponentielles Wachstum. Mit dem Lockdown Wuhans verlangsamte sich der Anstieg drastisch. Als am 24. Januar, also nur einen Tag später, 15 weitere Städte zur Sperrzone erklärt werden, kommt das Wachstum der Zahl der tatsächlichen neuen Fälle (graue Balken) zum Erliegen. Zwei Tage später erreicht die Zahl ihren Höchststand. Seitdem geht die Zahl der Neuinfektionen zurück. Auch dies war den Behörden damals jedoch nicht bekannt. Zu diesem Zeitpunkt ging die Zahl der orangefarbenen, offiziell neu diagnostizierten Fälle weiterhin durch die Decke. 12 weitere Tage lang, bis zum 6. Februar, deuten die offiziellen Zahlen weiterhin auf exponentielles Wachstum hin. War es aber nicht. Es wurden bloß immer mehr Fälle bekannt, aber die Abriegelung der betroffenen Gebiete hatte Wirkung gezeigt und das tatsächliche Infektionsgeschehen war abgeflaut.

Auch in anderen chinesischen Provinzen gab es Infektionen. Doch inzwischen war China vorbereitet und wusste, was zu tun ist. Deshalb kam es in China außerhalb von Hubei nirgendwo zu exponentiellem Wachstum der Infektionszahlen (siehe „Chart 8“).

Jede flach verlaufende Linie ist eine chinesische Region mit Coronavirusfällen. Im Vergleich dazu sieht man die Entwicklung in Südkorea, Italien und Iran, die einen ganzen Monat Zeit hatten, von den Erfahrungen Chinas zu lernen, aber diese Chance verstreichen ließen. Ende Februar geriet die Lage in diesen drei Ländern außer Kontrolle und ihre Fallzahlen überstiegen diejenigen aller chinesischen Regionen außer Hubei.

Südkorea stellt einen Sonderfall dar. Das Land dämmte die Ausbreitung des Virus anfangs ziemlich erfolgreich ein, aber dann infizierte eine einzige erkrankte Person Tausende Menschen („Superspreader“). Anschließend zeigten die Eindämmungsbemühungen jedoch erneut Wirkung und inzwischen gibt es nur noch wenige neue Infektionen in Südkorea. Sehr ermutigend!

Auch in anderen ostasiatischen Ländern wie Taiwan, Singapur, Hongkong, Japan und Thailand breitet sich SARS-CoV-2 nur langsam aus. Ostasien war stark vom SARS-Ausbruch 2003 betroffen und hat aus diesem Vorfall offenbar seine Schlüsse gezogen.

Die westliche Welt hat mit solchen Ereignissen weniger Erfahrung. Fies auf dem falschen Fuß erwischt wurde zum Beispiel der US-amerikanische Bundesstaat Washington. Nachdem erst vier Infektionen festgestellt worden waren, gab es dort am 26. Februar bereits zwei Todesfälle. Eine Woche später, am 5. März, waren sogar schon 11 Menschen gestorben, obwohl es noch nicht mal 50 diagnostizierte Fälle gab. Wie kann das sein? Dafür gibt es nur eine Erklärung: Das Virus ist bereits seit Mitte Januar in Washington und hat sich sechs Wochen lang mit geometrischer Geschwindigkeit ausgebreitet, ohne dass dies jemandem aufgefallen war.

Es gibt zwei Möglichkeiten, die tatsächlichen Infektionszahlen abzuschätzen: Einmal über Modelle, die hauptsächlich auf Daten der Ausbrüche in China und Südkorea basieren (Südkorea führt extrem viele Tests durch, daher haben wir gute Infektionsstatistiken aus dem Land) und zweitens durch Analyse der Mutationen des Virus mittels Genomsequenzierung. Auf Basis dieser Methoden kann man davon ausgehen, dass es im Bundesstaat Washington mit seinen 37 Todesfällen und 569 bestätigten Infektionen (Stand 14. März 2020) in Wahrheit bereits zwischen 1.850 und 26.900 Infizierte gibt.

Frankreich hat (Stand 14. März 2020) 3.661 bestätigte Fälle und 79 Tote. Mit Hilfe der oben genannten Methoden geschätzt sind dort in Wahrheit aber bereits mindestens 62.000 Menschen infiziert. In Spanien sind es mindestens 192.000 und in Italien vielleicht schon eine Million. Im Iran könnten sogar bereits drei Millionen Menschen infiziert sein.

Die chinesische Region Hubei hat 57 Millionen Einwohner – mehr als Spanien und fast so viele wie Frankreich. Als Hubei lahmgelegt und zur Sperrzone erklärt wurde, hatte es aber 5 Mal weniger diagnostizierte Fälle als diese zentraleuropäischen Länder. Dementsprechend härter wird es Europa treffen.

Die nächste Grafik („Chart 2“) zeigt die Zahl der bestätigten Coronavirus-Infektionen außerhalb Chinas.

Momentan gehen die meisten dieser Fälle auf das Konto von Italien, Iran und Südkorea. Es gibt aber Dutzende weitere Länder mit exponentiellen Wachstumsraten.

Nach der Infektion dauert es eine Woche, bis sich die ersten Symptome zeigen und dann nochmal zwei Wochen, bis die Erkrankung ggf. zum Tod führt. Bei den bekannten Ausbreitungsraten bedeutet das außerhalb Chinas und Ostasiens Folgendes: 75 % der infizierten Menschen haben heute noch keinerlei Symptome. Von den Infizierten, die Covid-19 nicht überleben werden, sind heute sogar 98 % noch putzmunter. Stand 14. März hat das Virus 1.812 Menschenleben in Europa gefordert. Die Zahl könnte bereits im April auf 100.000 wachsen. Das ist die erbarmungslose Mathematik von Exponentialfunktionen. Wenn die Modelle halbwegs stimmen – und bisher sieht alles danach aus –, wird sich das, was sich in den kommenden Wochen in Europa abspielen wird, in das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation hineinbrennen.

Exponentielles Wachstum sieht am Anfang immer harmlos aus. Wochenlang passiert fast nichts. Dann bricht auf einmal die Hölle los. Wenn es so weit ist, wird das Gesundheitssystem in eurer Region innerhalb weniger Tage überlastet sein. Tausende Patienten werden in provisorischen Hallen und Krankenhauskorridoren behandelt, weil Zimmer und Betten voll sind. Ärzte und Pfleger verbringen Stunden in ein und demselben Schutzanzug, weil es nicht genug davon gibt. Daher können sie die kontaminierten Räume stundenlang nicht verlassen. Wenn sie es endlich können, brechen sie dehydriert und erschöpft zusammen.

Das Foto von Elena Pagliarini ging um die Welt, einer italienischen Krankenschwester, die auf ihrem Schreibtisch kollabiert war und es vor Erschöpfung nicht mal mehr fertigbrachte, ihren Mundschutz abzuziehen.

Es gibt keine Schichten mehr, nur noch Arbeit rund um die Uhr. In Wuhan schlafen viele Ärzte nebeneinander auf dem Fußboden. Sie gehen nicht nach Hause, um ihre Familien nicht zu gefährden. Medizinisches Personal wird aus dem Ruhestand zurückbeordert. Menschen, die keine Ahnung von Krankenpflege haben, werden von heute auf morgen dazu ausgebildet, kritische Funktionen zu übernehmen. Viele infizieren sich. In der Lombardei sind 20 % des medizinischen Personals an Covid-19 erkrankt. Im besten Fall bedeutet das zwei Wochen Quarantäne, während denen sie nicht mehr helfen können. Manche sterben aber auch, wie selbst Krankenhausdirektoren in Wuhan. Da es nicht genug Intensivstationen und nicht genug Beatmungsgeräte gibt, müssen Ärzte wie im Krieg entscheiden, welche Patienten eine Chance bekommen und behandelt werden. Die anderen können noch schnell ihr Testament machen und sich per Videotelefonat von ihren Angehörigen verabschieden. Triage. In dieser Woche haben uns schockierende Bilder, verzweifelte Hilferufe und dramatische Appelle von Ärzten aus Norditalien erreicht, wo all das bereits passiert ist.

Die einzige Möglichkeit, Ähnliches oder gar Schlimmeres in anderen Ländern zu verhindern, ist Social Distancing. Storniert euren Urlaub und alle Reisepläne, falls ihr das nicht schon gemacht habt. Sagt eure Teilnahme an Veranstaltungen ab, nicht bloß an Großveranstaltungen. Verlasst euer Haus nur noch, wenn es unbedingt sein muss. Haltet euch von anderen Menschen fern. Normalerweise reichen ein bis zwei Meter, aber wenn jemand hustet, hält man besser vier Meter Abstand.Wer hustet oder Fieber hat (Schnupfen gehört nicht zu den typischen Covid-19-Symptomen), sollte sich sofort krank melden und nicht mehr zur Arbeit gehen.

Wenn ihr euer Haus verlasst, berührt möglichst nichts und wenn doch, dann fasst euch danach um Himmels Willen nicht ins Gesicht! Nicht, bevor ihr euch gründlich die Hände gewaschen habt. Das ist leichter gesagt als getan. Menschen fassen sich etwa zehn- bis zwanzigmal pro Stunde unbewusst ins Gesicht. Das müsst ihr euch bewusst machen und abtrainieren. Ich selbst habe das bisher nicht geschafft und erwische mich ständig dabei, wie ich mich am Kopf oder am Kinn kratze oder meine Augenbrauen glattstreiche.

Das Virus ist jetzt überall. Wenn in eurem Landkreis die ersten paar Dutzend Fälle diagnostiziert worden sind, gibt es in Wahrheit bereits Tausende Infizierte. Wohin ihr auch geht: SARS-CoV-2 wartet schon auf euch und will unbedingt in eure Lunge.

Das Virus überlebt auch bis zu neun Tage auf Materialien wie Metall, Keramik und Kunststoff. Das bedeutet, dass z. B. Türklinken, Tische oder Knöpfe in Aufzügen zu schlimmen Infektionsvektoren werden können. In öffentlichen Verkehrsmitteln, Gaststätten oder Geschäften können Coronaviren auf jeder Oberfläche sitzen. Wer von solchen Orten in seine eigenen vier Wände zurückkehrt, sollte äußere Kleidung und Hände als kontaminiert ansehen, also gleich die Jacke in die Garderobe hängen und Hände waschen. Auch die Haare können kontaminiert sein (etwa durch die Kopfstütze in der Bahn), das heißt spätestens vor dem Zubettgehen Haare waschen. Unter freiem Himmel sind Oberflächen viel schwächer belastet, weil die Erreger durch Umwelteinflüsse verdünnt und inaktiviert werden. Einsame Spaziergänge durch den Wald sind also okay.

Das Virus hat es auf die Schleimhäute von Augen, Mund und Nase abgesehen. Nur so kann es in euren Körper eindringen. Deshalb müsst Ihr diese Stellen unbedingt schützen. Mit einiger Sorgfalt ist das möglich, aber schwierig. Sicher ist nur, wer sich ganz von Orten fernhält, an denen Infizierte herumlaufen. Macht das alles ab sofort, nicht erst ab morgen. Und macht es nicht nur selbst, sondern sagt auch anderen Bescheid.

Anhand „Chart 22“ und „Chart 23“ sieht man, warum es jetzt auf jede Minute ankommt. Jeder Tag, um den Social-Distancing-Maßnahmen hinausgezögert werden, kann 25 bis 40 % mehr Infizierte bringen.

Das sind alles weder neue Erkenntnisse noch graue Theorie, wie die Erfahrungen mit der Spanischen Grippe vor gut 100 Jahren zeigen. Am 17. September 1918 trat der erste Fall in Philadelphia auf. Die Stadt wartete jedoch bis zum 3. Oktober, also mehr als 2 Wochen, bis sie entschiedene Maßnahmen ergriff. Das Resultat war ein Massensterben, das den gesamten Oktober anhielt. St. Louis hatte von diesem Fehler gelernt. Dort wurde der erste Fall am 5. Oktober diagnostiziert und die Stadt reagierte bereits 2 Tage später beherzt, was den Epidemieverlauf dort massiv entschärfte.

Denver beschloss Anfang Oktober 1918 strikte Maßnahmen, welche die Epidemie erfolgreich eindämmten. Nach einem Peak Mitte Oktober fielen die Sterberaten deutlich. Dies veranlasste Denver, die Maßnahmen Mitte November wieder zu lockern, was aber zu einem erneuten Aufflammen der Krankheit und einem Massensterben im Dezember führte – diesmal sogar noch schlimmer als beim Peak im Oktober. Diese Muster zeigen sich in den gesamten USA. Je früher soziale Distanzierung stattfand, umso weniger Opfer. Im Schnitt war die Sterberate in Städten, die 20 Tage früher als andere reagierten, nur halb so hoch.

Italien kam letztlich auch auf diesen Trichter. Am Sonntag, den 8. März 2020, wurden die Lombardei und 14 weitere Gebiete im Norden Italiens weitgehend abgeriegelt. Einen Tag später realisierte die Regierung ihren Fehler und entschied sich, die Einschränkungen auf das ganze Land auszuweiten. Diese Maßnahmen funktionieren und haben die Ausbreitung des Virus bereits deutlich verlangsamt, aber denkt an die Erkenntnisse aus Wuhan: Es dauert 12 Tage, bis man dies auch in den Statistiken sieht!

Ein weiterer Maßnahmenbereich neben Social Distancing ist Containment. Was die Chinesen in dieser Hinsicht geleistet haben, verdient höchste Anerkennung. China stellte 1.800 Teams aus jeweils fünf Personen zusammen. Diese Teams analysierten das Bewegungsprofil jeder infizierten Person. Jeden Menschen, der mit einer infizierten Person Kontakt hatte, spürten sie auf und testeten ihn auf SARS-CoV-2. Wer infiziert war, wurde direkt isoliert. Diese Teams waren unheimlich erfolgreich und schafften es tatsächlich, die Ausbreitung des Virus in einem 1,4-Milliarden-Land mit einer höheren Bevölkerungsdichte als der EU nahezu vollständig zu stoppen. Taiwan hat vergleichbare Programme und auch Südkorea testet wie verrückt, um Infizierte möglichst schnell zu finden und zu isolieren.

Diese Containment-Strategie funktioniert. Der Erfolg gibt diesen Ländern recht. In Deutschland kann man sich dagegen in der Regel noch nicht mal testen lassen, wenn man den Verdacht hat, dass man infiziert ist. Das ist zum Haareraufen und wird uns bzw. euch in Europa mittelfristig noch teuer zu stehen kommen. So kann man das Virus nicht stoppen, sondern höchstens seine Ausbreitung verlangsamen. Ob das ausreicht, wird sich noch zeigen, aber eins ist jetzt schon klar: Europa wird in den kommenden Wochen und Monaten sehr viel härter eingeschenkt bekommen als Ostasien.

China hat darüber hinaus weitere drastische Maßnahmen zur Eindämmung von SARS-CoV-2 ergriffen. Da wurden nicht nur Schulen geschlossen und Großveranstaltungen abgesagt, sondern Wohnungstüren von Infizierten kurzerhand zugeschweißt, Häuser mit Stacheldraht gesichert, Millionenstädte unter Quarantäne gestellt, nicht systemrelevante Fabriken und Büros rigoros dicht gemacht, Menschen nur noch einmal alle drei Tage kurz zum Einkaufen gelassen und all das militärisch durchgesetzt.

Solche Maßnahmen können und wollen wir in unseren ursprünglich als liberal und marktwirtschaftlich gedachten Demokratien nicht ergreifen. Deshalb müsste bei uns jeder Einzelne freiwillig mitmachen, Verantwortung übernehmen und seinen Alltag ändern. Und genau hier sehe ich ein riesiges Problem innerhalb einer in weiten Teilen bequemlichkeitsverblödeten, unselbständigen und dekadenten Spaßgesellschaft. Wie soll von Menschen, die über Dekaden hinweg eingetrichtert bekommen haben, bei jedem noch so kleinen Problem nach einer Lösung durch den Staat zu schreien, nun auf einmal eigenverantwortlich mit einer Pandemie umgehen? Die legendäre deutsche Disziplin wäre aktuell dringend notwendig. Wo ist sie?

Wahnsinn regiert. Jetzt wird es im schlimmsten Falle vielen das Leben kosten, dass sie eben diesem Wahnsinn in Berlin und Brüssel alles, aber auch wirklich alles in ihrem Leben zur Regelung anvertraut haben.

An dieser Stelle eine kurze Navigation durch das Begriffswirrwarr. Coronaviren sind eine Virusfamilie, die seit den 1960ern bekannt ist. Coronaviren befallen Menschen schon seit Ewigkeiten und verursachen Erkältungen. Zu den Coronaviren zählt auch das derzeit weltweit grassierende Virus SARS-CoV-2 (Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2 – Schweres akutes Atemwegssyndrom Coronavirus 2). Die Vorsilbe „SARS“ zeigt schon an, dass dieses Virus ungleich gefährlicher als bisher bekannte Coronaviren ist. Die durch SARS-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde „Covid-19“ (Coronavirus-Disease-2019 – Coronavirus-Krankheit-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die mit dem Virus SARS-CoV-2 infiziert sind und Krankheitssymptome zeigen.

Wie stirbt man eigentlich an Covid-19? Kurz gesagt durch schwere beidseitige Lungenentzündung und Lungenödem. Das Virus verursacht einen Anstieg des Blutdrucks in der Lunge. Dadurch tritt Plasma aus den Kapillargefäßen aus. Flüssigkeit sammelt sich in der Lunge an. Man ertrinkt quasi innerlich und bei vollem Bewusstsein. Die Schilderungen italienischer Ärzte erspare ich euch. Jedenfalls wollt Ihr so nicht enden. Ihr wollt auch nicht, dass ein Familienmitglied, Freund oder Bekannter von euch so endet.

Jetzt versteht ihr auch direkt, warum Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Atemwegserkrankungen und Herz-Kreislauf-Geschichten zu den größten Risikofaktoren für Covid-19-Patienten zählen. Außerdem verursachen Lungenentzündungen oft septische Schocks, woran man ohnehin schnell mal stirbt und was außerdem erklärt, warum Diabetes ein weiterer Risikofaktor ist.

80 % der Infizierten haben maximal Grippesymptome. Das Problem sind aber die anderen 20 %. Zu denen wollt ihr nicht gehören. Die meisten Personen mit schwerem Verlauf müssen ins Krankenhaus, oft mehrere Wochen. Laut WHO müssen 15 % der Infizierten konzentrierten Sauerstoff einatmen, und zwar mindestens mehrere Tage lang. 5 % müssen künstlich beatmet werden. Wie das in der Realität aussieht, könnt ihr euch auf dem nächsten Bild aus dem Krankenhaus der norditalienischen Stadt Cremona ankucken. Oft werden Patienten auf den Bauch gelegt, da man so die untere Lunge besser belüften kann. Dann werden sie in ein künstliches Koma versetzt und per Luftröhrenschnitt intubiert.

Ihr wollt nicht, dass sowas bei euch erforderlich wird. Dabei sind das noch die Glücklichen, für die noch Intensivstationsbetten und Beatmungsgeräte frei waren.

Bei Obduktionen in China wurde festgestellt, das Covid-19-Patienten schon in einem frühen Stadium der Krankheit eine Lungenfibrose erleiden können. So eine Schädigung des Lungengewebes ist irreversibel und bleibt auch, wenn man das Virus wieder losgeworden ist. In Hongkong wurde bei Nachuntersuchungen von Genesenen eine Reduktion der Lungenfunktion um 20 bis 30 % diagnostiziert. Auch andere bleibende Schäden sind möglich, von denen man bisher noch nichts weiß. Die Infektion überleben heißt also nicht, dass alles paletti ist.

Wie tödlich ist das Virus laut den neuesten Daten? In China, das in den vergangenen Wochen kaum Neuinfektionen hatte, konvergiert die Sterberate gegen 3,9 % aller Infizierten. Oft hören wir von Risikofaktoren wie hohem Alter und Vorerkrankungen, von denen die Sterblichkeit verschiedener Bevölkerungsgruppen stark abhängt. Das ist sehr wichtig: Das Sterberisiko ist bei Rentnern 40 Mal höher als bei Kindern und bei Kranken 8 Mal höher als bei Gesunden. Aber ein weiterer Faktor ist ebenfalls entscheidend: Ob das Gesundheitssystem in Eurer Region noch funktioniert oder bereits überstrapaziert ist.

Die 3,9-%-Zahl aus China setzt sich aus zwei völlig unterschiedlichen Realitäten zusammen: Hubei und dem Rest Chinas. Die Sterberate von Hubei nähert sich ca. 4,8 % der dort Infizierten an. Im Rest Chinas wird es dagegen wahrscheinlich nur auf ca. 0,9 % hinauslaufen. In Südkorea sieht es aktuell sogar so aus, dass vielleicht nur 0,5 % aller Infizierten sterben. Iran und Italien landen hingegen wahrscheinlich eher bei 4 %.

Lektion: In Ländern, die gut vorbereitet sind und die richtigen Maßnahmen rechtzeitig ergreifen, sterben fast 10 Mal weniger Menschen als in Ländern, in denen die Lage außer Kontrolle gerät.

Viele denken: Ich bin jung und gesund, deshalb macht mir das Virus höchstwahrscheinlich nicht viel. Außerdem kann ich mich nicht ewig in meinem Bett verkriechen, also werde ich mich wohl sowieso irgendwann infizieren. Das kann man so sehen. Trotzdem wollt ihr euch nicht ausgerechnet jetzt anstecken, denn in drei Wochen werden die Krankenhäuser aus allen Nähten platzen. Im schlimmsten Fall ist das Gesundheitssystem so überlastet wie in Italien, sodass fast 10 Mal mehr Menschen als bei optimaler Versorgung sterben.

Außerdem werden wir vielleicht bereits in einigen Monaten wirksame Medikamente oder sogar einen Impfstoff haben. Wenn Millionen Wissenschaftler auf der ganzen Welt fieberhaft zusammenarbeiten, ist vieles möglich. Zeit ist ein entscheidender Faktor. Jetzt ist der schlechteste Zeitpunkt überhaupt, um sich zu infizieren. Ich höre noch immer oft die Aussage, dass sich wahrscheinlich 40 bis 70 % aller Menschen infizieren werden, oft in Verbindung mit einem völligen Mangel an Problembewusstsein, was das bedeuten würde oder sogar mit der Hoffnung, dies sei geradezu wünschenswert, da sich so ein gewisses Niveau an Herdenimmunität in der Bevölkerung entwickeln würde. Was bei der Grippe funktioniert, wegen der 0,3 % der Infizierten ins Krankenhaus müssen, wäre aber völliger Wahnsinn bei SARS-CoV-2, das 20 % der Infizierten auf die Bretter schickt. Als in Italien die Gesundheitsversorgung zu kollabieren begann, war noch nicht mal 1 % der Bevölkerung infiziert! So geht es also nicht.

Die Kacke ist am Dampfen. Das Virus kann gestoppt werden, aber nur in Ländern und Gesellschaften, die von China, Taiwan oder Südkorea lernen und ihre Gewohnheiten für einige Zeit ändern. Diese Pandemie ist wie ein riesiger Intelligenztest, Bildungstest, Koordinationstest und Solidaritätstest, dem alle Völker der Erde nun nolens volens unterzogen werden. Es ist aber keine Klausur, die man nach Nichtbestehen einfach wiederholen kann. Diese Prüfung ist ernst und gefährlich und darf auf keinen Fall vermasselt werden.

19 Kommentare zu „Gedanken zu Corona

  1. Guten Tag Herr Mende,

    ich fand Ihren Artikel äusserst interessant, weil er mir ein vom Typischen abweichendes Bild der chinesischen Kultur ermöglicht hat: eben nicht einfach (wenn ich das mal so karikieren darf) als gefährliches staatskapitalistisches Ameisenvolk auf dem Weg zur Weltherrschaft, sondern als eine eigene, auch menschlich nachvollziehbare Kultur. Danke dafür.

    Wenn ich mir dann auch eine – konstruktiv gemeinte – Kritik erlauben darf: Sie schreiben sehr lange Texte. Und wenn Sie dann noch zwei Themen miteinander kombinieren, wie hier die chinesische Kultur an sich, plus deren detaillierte Auswirkung auf den Umgang mit Corona, dann wird es – jedenfalls für mich – einfach zuviel.

    MfG Falk Kuebler

      1. Bei dieser Gelegenheit noch ein Feedback: gestern hatte ich noch einige andere Kommentare versucht. Technisch hatte ich das genau wie diesen gemacht, aber trotz insgesamt sicher einem Dutzend Versuchen zu verschiedenen Thema hatte ich kein einziges Mal Erfolg.

        Manchmal kam eine Systemmeldung, aber manchmal schien der Kommentar einfach durchzugehen, erschien dann aber doch nirgendwo. Das könnte einem die Lust am Kommentieren nehmen, vor allem wenn man nicht weiss, was da los ist und wann/ob es irgendwann vorbei ist.

        Nur als Hinweis.

      2. Das ist in der Tat sehr seltsam und davon wusste ich bisher nichts. Danke für den Hinweis.

        Ich schalte grundsätzlich jeden Kommentar frei, sofern es sich nicht um destruktives Gepöbel handelt. Vielleicht liegt das Problem an WordPress.

  2. Ihre Argumente sind messerscharf, der Post in der Gesamtheit jedoch wirr. Man versteht ihn, aber Sie hätten ihn auch in drei Weltklasse-Artikel stückeln können.

  3. Der aussagekräftigste Artikel, der mir in den letzten Wochen begegnet ist: https://www.achgut.com/artikel/mit_bedeutungslosen_zahlen_im_blindflug_durch_das_virenenmeer

    Nicht für Mathematik-Phobiker geeignet. Im Grunde zwar unkompliziert, aber viele Leute haben ja nicht das allergeringste Gespür für Zahlen, Verhältnisse und Grössenordnungen, glauben aber, weil sie 2 + 2 in unter einer Minute rechnen können, sie seien mathematisch „normal“. Sorry für meine Lieblings-Abschweifung… 😉

    Aus dem Artikel gehen 3 Dinge hervor:
    1. Es dürfte in Deutschland derzeit bereits ca. 700’000 bis 1 Million Infizierte geben. Die weitaus meisten wissen garnichts davon. Was die relative (!) Harmlosigkeit von Covid-19 aufzeigt. Übrigens: in Deutschland sterben seit Ewigkeiten JEDEN Tag 2’500 Menschen, die meisten schlicht, weil sie alt sind und der Liebe Gott sie freundlicherweise zu sich ruft. Übrigens 250 davon an Atemwegserkrankungen. Jeden Tag. Die ca. 10’000 (seit Monaten!) In Italien an Covid-19 gestorbenen Menschen sind im Durchschnitt knapp 80 Jahre alt, standen also SOWIESO auf der Einladungsliste vom Lieben Gott.
    2. Der Island-Test könnte hier genauso gemacht werden. Er wäre für epidemiologische Planungen wertvoll. Die Regierungsleute wissen das sicher auch, tun aber aus irgendwelchen Gründen nichts. Idioten oder Verbrecher? Ich kenne keine persönlich, so dass ich dazu keine valide Meinung äussern kann…
    3. Die hier immer wieder wiedergekauten China-Zahlen (als Beispiel, wie man erfolgreich „Corona besiegt“) sind völlig bedeutungslos.

    Noch mal ein Übrigens: es gibt ein Land, dem ich (trotz leicht sozialistischer und feministischer Tendenzen) hier im Thema jetzt hohen Respekt bezogen muss und will: Das ist Schweden. Deren Gesundheitsamt sagt: Man muss nicht die Kinder isolieren, sondern die alten Menschen. Punkt! Entsprechend haben in Schweden sogar Restaurants geöffnet etc. pp. …

    1. „Die Kritiker sprechen Schwächen in der Datenlage an, die in der Tat bedenklich sind. Tatsächlich weiß derzeit noch niemand genau, wie gefährlich das neue Coronavirus wirklich ist, welche Maßnahmen wirklich notwendig sind und wie viele Tote es am Ende geben könnte. Diese Unsicherheit geht aber in beide Richtungen. Die Gefahr könnte sowohl über- als auch unterschätzt werden. Zudem verbreitet sich das Virus rasend schnell. Würde man erst so lange forschen, bis man die Notwendigkeit der Schutzmaßnahmen bewiesen hätte, könnte es längst zu spät sein. Die derzeitige Datenlage ist eine vorläufige.“

      Wenn man nichts macht, die Pandemie also laufen lässt, verdoppelt sich die Zahl der Ansteckungen alle drei Tage. Davon sind wir inzwischen runter, weil wir die Pandemie eben nicht laufen lassen, obwohl wir sie noch nicht vollständig verstanden haben und die Datenlage unvollständig ist. Dieses Vorgehen halte ich für sinnvoll.

      Verglichen mit schnöder Grippe wiederum ist die Ansteckungsrate in der Tat sehr schnell, weil es noch keine Immunität in der Bevölkerung gibt und wegen der vergleichsweise langen schon infektiösen Inkubationszeit von COVID-19.

      Analyse der aktuellen Übersterblichkeit in Italien. Solche Berichte gibt es seit vergangener Woche, aber ein neuer Heise-Artikel erklärt die Angelegenheit sehr gut (alle Quellen unten).

      Es gibt das Argument: „Die Leute sterben mit Covid-19, aber nicht an Covid-19, weshalb die Letalität überschätzt wird.“

      Es spricht vieles dafür, dass das Gegenteil richtig ist: In Italien rafft das Virus nicht weniger, sondern sogar noch viel mehr Menschen dahin, als in den offiziellen Statistiken auftauchen. In ganz Italien und Spanien starben im März viel mehr Menschen als normal um diese Zeit, wobei dieser Effekt in Städten und Gemeinden mit vielen SARS-CoV-2-Infektionen besonders stark ist. So gut wie jeder mit Corona Gestorbene ist auch an Corona gestorben. Covid-19 verursacht nicht nur akutes Lungenversagen, sondern auch septische Schocks, Herzinfarkt, Nierenversagen und Enzephalitis (siehe unten). Bei allen Covid-Toten war ein Covid-Symptom die Todesursache, sonst zählt es nicht. Falls ein Infizierter ausnahmsweise tatsächlich durch was anderes stirbt, z. B. einen Auto-Unfall, dann gilt der nicht als Coronatoter. In Italien sterben normal 1.700 Menschen am Tag, jetzt seit zwei Wochen 2.600. In Bergamo sterben im Schnitt 3,3 Menschen am Tag, inzwischen über 50. Was bringt diese Leute auf einmal alle um?

      Krankenhauskeime, Luftverschmutzung und andere Faktoren gibt es dort alle schon ewig. Warum sind die Menschen in den vergangenen Jahren nicht massenweise daran gestorben, jetzt auf einmal aber schon? Unfallopfer werden nicht als Coronatote gezählt, aber andersrum gibt es viele Coronatote, die nicht in der Statistik auftauchen. Zum einen schaffen es viele nicht ins Krankenhaus, sondern sterben einsam zu Hause. Die werden nicht immer post mortem getestet und wenn doch, dann erst mit großer Verzögerung. Zweitens gibt es viele Tote ohne typische Covid-Symptome, weil das Virus auch das Gehirn und das Zentrale Nervensystem befällt (siehe unten). Die Betroffenen kriegen dann Schlaganfälle, epileptische Anfälle, plötzlichen Herz- oder Atemstillstand und fallen innerhalb von Stunden einfach tot um, ohne dass sie Husten, Schnupfen, Fieber oder andere Atemwegssymptome gehabt hätten. Dieser Befall des ZNS ist auch der Grund, aus dem 30% der Covid-Patienten einen Geschmacks- und Geruchssinnverlust erleiden. Solche Todesfälle fallen ebenfalls oft durchs Raster, weil man da kein Covid vermutet und dementsprechend nicht testet.

      In der Stadt Nembro (11.500 Einwohner) in der Gemeinde Bergamo starben zwischen dem 1. Januar und dem 19. März 2020 insgesamt 158 Menschen, in den vorhergehenden Jahren aber durchschnittlich nur 35 im selben Zeitraum. Das sind dieses Jahr 123 oder 4,5 Mal mehr Tote als normal. Von denen wurden aber nur 31 (das sind 25 %) als Covid-Opfer eingestuft.

      In Cernusco sul Naviglio und Pesaro lag die Zahl der anormalen Todesfälle sogar 6,1 bzw. 10,4 Mal höher als die offiziell gemeldeten Covid-19-Sterbefälle.

      In der Stadt Bergamo selbst gab es diesen März 533 Todesfälle, 2019 waren es 125. Als Covid-19-Tote wurden aber nur 201 aufgelistet, die anderen 207 übersterblichen Todesfälle bleiben damit unerklärt.

      In der Provinz Bergamo mit ihren 1,1 Millionen Einwohnern starben im März 2019 insgesamt 900, diesen März aber 5.400 Menschen. Das sind 4.500 bzw. 6 Mal mehr Tote als normal. Ein Zusammenhang mit Covid-19 wurde aber nur bei 2.060 Todesfällen offiziell gemeldet, also nur bei 45 % der zusätzlich Gestorbenen.

      Die offiziellen Sterbezahlen überschätzen die Zahl der Coronatoten nicht, sondern unterschätzen sie in Hotspots um den Faktor 2 bis 6. Wahrscheinlich wird hin und wieder mal einer als Coronatoter klassifiziert, der eigentlich aus einem anderen Grund gestorben ist, aber demgegenüber stehen Tausende tatsächliche Opfer des Virus, die nicht als solche erfasst werden.

      Man hört dann auch Entgegnungen wie die, wonach die höhere Zahl der Toten neben der Coronavirus-Pandemie mit dem überforderten Gesundheitssystem zu tun haben könne, durch das auch andere gefährdete und alte Patienten in den Krankenhäusern nicht entsprechend behandelt werden konnten, zumal viele Haus- und Krankenhausärzte selbst infiziert seien. Unversorgte und unbehandelte Menschen zuhause oder in Altersheimen könnten vermehrt gestorben sein.

      Das alles wäre aber ebenso eine reale Folge der Pandemie und dieser damit selbstverständlich zuzurechnen. Die Menschen sind tot. Wäre Corona nicht, wären sie nicht tot. Ergo ist Corona der Tod kausal zurechenbar. Die Letalität des Virus selbst hängt von der Auslastung des Gesundheitssystems ab. Wenn die Intensivstationen voll und die Beatmungsgeräte belegt sind, steigt die CFR im Handumdrehen von 1 % auf 5 %. Beim totalen Zusammenbruch kann es sogar Richtung 15 % gehen, denn so viele brauchen zumindest Sauerstoff im Krankenhaus.

      Wir wissen aus Norditalien, dass Covid-19 über Wochen hinweg 15 Mal mehr Menschen als alle anderen Todesursachen zusammen umbringen kann. Auf ganz Italien hochgerechnet wären das 25.000 Tote pro Tag, in Deutschland 33.000 pro Tag.

      Ende März hörte man aus Norditalien, regional sei die Übersterblichkeit insgesamt bis zu sechsmal höher als die Zahl der Toten, die offiziell als mit Corona assoziiert gemeldet wurden. In Wahrheit rafft das Virus noch sehr viel mehr Menschen dahin, als in den offiziellen Statistiken landen. Erstens sind bisher erst ungefähr 0,1 % der Erdbevölkerung infiziert. Zweitens dauert es nach der Infektion im Schnitt drei Wochen, bis man daran stirbt. Allein von den aktuell bereits Infizierten werden in den kommenden drei Wochen mindestens 250.000 sterben. Wie schwer ist es, das zu antizipieren? Und wie schwer ist der Dreisatz, dass noch mindestens 500 Mal mehr sterben werden, wenn sich noch 500 Mal mehr Menschen infizieren? Dabei ist die Überlastung des Gesundheitssystems, welche die CFR von 1 % auf 5 % steigen lässt, noch gar nicht mitgerechnet.

      Quellen:
      https://tinyurl.com/wqe5bx6
      https://tinyurl.com/rmgbvf4
      https://tinyurl.com/trgf3me
      https://tinyurl.com/scc5hkw
      https://tinyurl.com/vvue9kn
      https://tinyurl.com/yx4xolzq

      1. Lieber Herr Mende,

        Ihr Umgang mit Zahlen, Grössenordnungen und vor allem Verhältnissen und Zusammenhängen hat mich nicht gerade euphorisch gemacht…

        Nix für ungut. Ohne weitere Eskalation deshalb:

        Let’s agree, that we disagree…

      2. Lieber Herr Kuebler,

        Ihr erster Satz trägt nicht zwingend zur „Deeskalation” (von was auch immer) bei, zumal sich darum bemüht wurde, anhand aktueller Zahlen und Forschungsergebnisse (inkl. Quellenangaben) das eine oder andere logische (und im Übrigen hoffentlich falsche!) Zukunftsszenario anzubieten, aber sei es drum.

        Ich bedanke mich für Ihr Interesse und verbleibe mit freundlichen Grüßen

        PAM

  4. Danke für die interessanten Infos und Sichtweisen. Ich überflog diesen Text gierig. Er ist beeindruckend, einiges zum Schutz wusste ich nicht und den Link gab ich mehrfach weiter. Nun muss ich bekennen, die Andersartigkeit und Tödlichkeit der neuen Corona-Viren nicht ausreichend ernst genommen zu haben. Auch ich glaubte nicht an eine Pandemie und, dass es nicht so schlimm würde, weil es auch in China überstanden schien. Dazu auch dies:
    https://www.eike-klima-energie.eu/2020/03/31/das-corona-virus-beleuchtet-die-unmenschliche-agenda-der-oeko-radikalen/?unapproved=245486&moderation-hash=9e347976d021fa7402c35e4c2ddd7fce#comment-245486
    Das ist, wovor auch z.B. die BÜSO seit langem warnt: Eine Welt des um sich greifenden Todes durch Krankheit und ökonomischen Stillstands, ein Planet mit viel weniger Menschen.

  5. Mit Hinweisen, dass seit Anfang 2019 vor einem Corona-Problem gewarnt wurde, die Vermischung von Ideologie, Politik und Medien die Risikobewertungen und Lösungen behindert u.a.m:
    http://www.mittellaendische.ch „Überlegungen eines besorgten Schweizer Bürgers“ (vom 07.04.20 und 10.04.20) Prof. Dr. med. Dr. h.c. Paul Robert Vogt

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