Die vier Generationen

von Matthias Lorch (veröffentlicht am 11.11.2005; verändert, bearbeitet und erweitert)

»Ein Funke wird eine neue Stimmung entzünden. Heute [1997] würde derselbe Funke kurz flammen, dann aber erlöschen, und sein letztes Flackern bestätigt und vertieft lediglich die Denkweise der Enträtselungszeit. [Vor dem Hintergrund der vierten Drehung] wird es jedoch eine Krise katalysieren. Rückblickend mag der Funke so bedrohlich wie ein Finanzcrash, so gewöhnlich wie eine nationale Wahl oder so trivial wie eine Tea Party erscheinen. Es könnte eine schnelle Folge kleiner Ereignisse sein, in denen sich das Unheilvolle, das Gewöhnliche und das Triviale vermischen.«

Die Einschätzung der meisten Menschen in Bezug auf den Ablauf der Geschichte und der Zivilisation beschränkt sich auf eine lineare Sicht, also auf eine weiterlaufende Entwicklung. Dies mag wohl im Ganzen gesehen richtig sein, trotzdem zeigen die Geschichtsbücher auch jede Menge nichtlinearer Abläufe.

Für die Menschen, die diese durchlebten, waren sie mit großen Einschnitten verbunden. Wenn man die selbst erlebte Vergangenheit immer in die zu erwartende Zukunft extrapoliert, wird man sehr wahrscheinlich eine große Überraschung erleben. Es ist dann so ähnlich, als ob man einen heißen Sommertag erlebt und vergisst, dass die Jahreszeiten wechseln werden. Selbst wenn es noch schöne Tage im Herbst gibt, ist der Winter unaufhaltbar. So wie die Vergangenheit wird auch die Zukunft einem immer wiederkehrenden Muster unterworfen sein.

In dem Buch »The Fourth Turning« von William Strauss und Neil Howe – welches bereits 1997 erschien – beschreiben die Autoren die Geschichte der Welt im Wandel von vier Generationen im Einfluss auf Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft. (…)

Obwohl das Buch maßgeblich die amerikanische Vergangenheit und Zukunft beleuchtet, ist eigentlich alles auf den Westen allgemein anwendbar. Die Geschichte des Westens ist kulturell und wirtschaftlich so stark miteinander verwoben, dass sich keine der Volkswirtschaften von den Entwicklungen absondern kann. Strauss und Howe haben die Generationen in ca. 20-Jahre-Zeiträume eingeteilt.

Vereinfacht lässt sich das Ganze wie folgt beschreiben:

Die erste Drehung / Frühling – Das Hoch (nach Krisen, Depression, Krieg) ca. 1945 bis 1965

  • Bringt ein Wiederbeleben der Gemeinschaft, eine neue zivile Ordnung
  • Die Menschen wollen die Krise zurücklassen und sind zufrieden mit dem neuen Leben
  • Die Angst ums Überleben dreht sich zum Wunsch nach Wachstum, Investition, politischer Stabilität und Wohlstand
  • Die Einstellung dreht sich aus der dunklen Not mit neuer Energie und Tatkraft zum Optimismus
  • Der Zyklus drängt die gesamte Gesellschaft in Richtung Konformismus, Familie und Ordnung
  • Gehorsame Mitbürger dienen dem »Gemeinwohl«
  • Es werden viele Kinder geboren
  • Kriege sind unwahrscheinlich

Die zweite Drehung / Sommer – Das Erwachen ca. 1965 bis 1985

  • Wenn die Gesellschaft vom Hoch in das Erwachen dreht, dann ist die Änderung trügerisch. Sie wird am Anfang als minimal eingestuft, später löst sie oft Gewalt, Chaos und politische Veränderung aus
  • Die jungen Erwachsenen, die die Dinge vorantreiben, kennen aus eigener Erfahrung nur das Hoch, nicht aber die Krise
  • Als kreative Denker herangezogen, sind sie verärgert und fordern die Älteren heraus
  • Sie fühlen sich ihnen moralisch weit überlegen. Sie schätzen sich selbst als die Überbringer neuer und besserer Werte
  • Soziale Ideen und spirituelle Gedanken sind vorherrschend, Angriffe der Jugend auf das Establishment evident
  • Wohlstand und Sicherheit werden als selbstverständlich empfunden
  • Die Menschen hören auf zu glauben, dass soziale Weiterentwicklung mit sozialer Disziplin verbunden ist

Die dritte Drehung / Herbst – Das Enträtseln ca. 1985 bis 2005

  • Soziale Kräfte, von der Vorgängergeneration entfesselt, sind nicht mehr zu stoppen
  • Die Tendenz entweder zum Ausnutzen oder Ablehnen der sozialen Errungenschaften nimmt zu
  • Individuelle Befreiung geht einher mit Moralprotest oder Selbstfindung
  • Schwere Debatten über Werte und die sich abschwächenden zivilen Bürgerpflichten
  • Die Menschen neigen dazu, über ihre Verhältnisse zu leben
  • Um das »Gemeinwohl« schert sich niemand oder kaum jemand mehr
  • Lähmungen in der Politik und im öffentlichen Leben, die früher undenkbar waren, prägen das Bild
  • Die Krise ist noch nicht in Sicht, mit der »sozialen Befreiung« durch das Erwachen hinter sich können die Menschen ihr persönliches Leben (noch) in vollem Maß ausleben
  • Das Kollektiv ist nichts, das Individuum alles

Durch das In-Kraft-setzen der Ideale aus der Zeit des Erwachens wird die Basis für die folgende Krise gelegt. Es kommt schließlich zur vierten Drehung. In dieser befinden wir uns gegenwärtig.

Die vierte Drehung / Winter – Die Krise ca. 2005 bis 2025

  • Jede Krise beginnt mit einem Ereignis, das die vorherrschende Laune umkehrt, es lässt ein Gefühl der Krise aufkommen. Solche Ereignisse gibt es zu allen Zeiten, aber nur in dieser Zeit wird dadurch eine neue Dynamik gestartet. Unter anderem nennen Strauss und Howe sieben potenzielle Szenarien, die alle auf die eine oder andere Weise erstaunlich viel Wahres beinhalteten, u.a.: »Die Zentren für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten kündigen die Verbreitung eines neuen übertragbaren Virus an. Die Krankheit erreicht dicht besiedelte Gebiete und tötet einige. Der Kongress erlässt obligatorische Quarantänemaßnahmen. Der Präsident befiehlt der Nationalgarde, prophylaktische Absperrungen in unsicheren Gegenden zu werfen. Bürgermeister widersetzen sich. Städtische Banden bekämpfen vorstädtische Milizen. Aufrufe an den Präsidenten, das Kriegsrecht zu erklären.«
  • Die Geschichte lehrt uns, dass ca. drei Jahre nach diesem Katalysator die Menschen die Änderung erkennen und Konsens zum Lösen der Konflikte erzwingen wollen.
  • Plötzliche Bedrohungen, die lange ignoriert wurden, werden nun für jeden sichtbar, Gesetze werden verabschiedet, die Jahre früher noch undenkbar waren.
  • Die Gesellschaft muss überleben, aggressive staatliche Einrichtungen werden geschaffen. Das alles verlangt persönliche Opfer.
  • Die private Risikoübernahme entwickelt sich zurück.
  • Erbitterte Kriege um entscheidende Ausgänge werden geführt.
  • Letztendlich kommen Erleichterung und Optimismus auf, aber erst nach der völligen Erschöpfung.
  • Die Menschen sehnen sich nach guten und einfachen Dingen.
  • Ein neuer Glaube an die Gemeinschaft und an die Planer sowie die Autorität reißt die Menschen mit.

Das Vertrauen in der Zeit des Erwachens / Sommer wurde aus der wachsenden Sicherheit aus der Zeit des Hochs / Frühling geboren. Es bewirkt eine Explosion der Liebe und des Mitgefühls, aber auch der Unordnung. Diese Unordnung bewirkt in der Zeit des Enträtselns / Herbst dann den Ärger und die wachsende Unsicherheit. Diese wird dann wieder aus der Rücknahme von Freiheiten und dem Bestreben zum Wiederherstellen der Ordnung bestehen.

Wo die Nachkrisenzeit erwärmt und erhellt hat, wird die Zeit nach dem Erwachen dunkler und kühler. Der Frühling bringt Konsens, Ordnung und Stabilität, wogegen der Herbst zu Streit, Gruppenbildung und Unsicherheit führt.

Strauss und Howe haben herausgefunden, dass dieser Zyklus über die Jahrhunderte mit unglaublicher Regelmäßigkeit stattfindet und sie zeigen viele anschauliche Beispiele auf, unter anderem auch den damit verbundenen Kriegszyklus von ca. 85 Jahren.

  • Amerikanischer Befreiungskrieg (Höhepunkt 1781)
  • Amerikanischer Bürgerkrieg (Höhepunkt 1863)
  • Depression und Zweiter Weltkrieg (Höhepunkt 1942)
  • XY (Höhepunkt 20??)

Das Erwachen ist deshalb ein Zeichen, dass die Gesellschaft sich daran erinnern sollte, dass der Zyklus, den die Vorfahren bereits sehr oft durchlebten, schon zur Hälfte erreicht ist. Der eine Abschnitt wird deshalb unabänderlich durch den anderen bedingt.

Die Weiterentwicklung des Zyklusses sähe dann wie folgt aus:

  • Die erste Drehung / Frühling … Das Hoch (ca. 2025 bis 2045)
  • Die zweite Drehung / Sommer … Das Erwachen (ca. 2045 bis 2065)
  • Die dritte Drehung / Herbst … Das Enträtseln (ca. 2065 bis 2085)
  • Die vierte Drehung / Winter … Die Krise (ca. 2085 bis 2105)

Der aufmerksame Beobachter kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die beschriebenen Zeiten und Vorgänge ebenso gut auf die USA wie auch auf die BRD der Nachkriegszeit passen. Auch wenn die Zusammenhänge, die in Europa zum Ersten und Zweiten Weltkrieg geführt haben, unterschiedlich sein mögen. Tatsache ist, dass der Zweite Weltkrieg als die Krise schlechthin gelten kann und einen Neuanfang in der gesamten westlichen Welt und auch in Japan im Jahre 1945 erzwungen hat.

Strauss und Howe zeigten bereits 1997 auf, dass der Höhepunkt der gegenwärtigen Krise für die USA bzw. den Westen folgende Einzelheiten beinhalten könnte:

  • Wirtschaftliche Probleme, zum Beispiel Einstellung der Zahlungen für die Schulden der Öffentlichen Hand, steigende Verarmung, Kollaps der Finanzmärkte und Inflation
  • Soziale Ausschreitungen: Gewaltausbrüche ausgehend von Rassen, Klassen- oder Religionszugehörigkeit
  • Kulturelle Eingriffe: Einschränkungen der Pressefreiheit und autoritäre Führerschaft
  • Militärische Ausbrüche: Kriege gegen ausländische Terroristen, ausgestattet mit Massenvernichtungswaffen usw.

Der jugendliche Hunger für soziale Disziplin und zentrale Autorität könnte die Heranwachsenden für Demagogen anfällig machen. So oder so wird die Bevölkerung am Höhepunkt der Krise die Herrschenden mit effektiven Instrumenten versorgen, um die Ordnung durchzusetzen. Wenn der Auslöser der Krise ca. 2005 beginnt, dann könne gemäß Strauss und Howe mit dem Höhepunkt derselben ca. 2020 gerechnet werden, mit der Lösung der Probleme dann ca. fünf bis sechs Jahre später. Auf alle Fälle macht es wenig Sinn, sich über die Generation zuvor oder über die folgende zu erzürnen. Denn jede der Generationen ist in ihrer Zeit und in ihrem Ablauf gefangen. So wie das Wasser nicht den Wasserfall hinauffällt oder der Vogel rückwärts fliegt, so wenig sind die Abläufe zurück drehbar. Jeder sollte sich vor Augen halten, dass er, hätte er in dieser Zeit mit diesen Einflüssen gelebt, wahrscheinlich genauso geprägt sein würde.

Besser ist es, sich so gut wie möglich auf kommende Änderungen einzustellen. Wenn sich die Gesellschaft und die Politik schon nicht darauf vorbereitet, dann sollte es zumindest der Einzelne tun, soweit es in seiner Macht liegt. Die Krise wird laut William Strauss und Neil Howe die Wirtschafts- und Sozialordnung, welche die Menschen jetzt noch als selbstverständlich sehen, komplett zerstören und erneuern.

Sie geben folgende Ratschläge:

Charaktereigenschaften wie Vertrauen, Verlässlichkeit, Geduld, Bescheidenheit, Selbstlosigkeit werden in einer Krise zu einer harten Währung werden.

  • Sei ein guter Einwohner in deiner Stadt, ein guter Nachbar in deiner Straße, ein guter Partner bei der Arbeit.
  • Baue persönliche Beziehungen auf allen Ebenen aus.
  • Bereite dich und deine Kinder auf Teamwork vor.
  • Vermeide Investments mit zu großem Hebel und zu großen langfristigen Verbindlichkeiten.
  • Gehe in die Krise mit genügend Cash.

Eine der wichtigsten Entscheidungen wird sicherlich sein, eigene Reserven zu bilden. Das ist in Zeiten des Nullzins und Negativzins einfacher gesagt als getan, oder auch, wenn man erkennt, dass die langfristigen Zinsen unter der tatsächlichen Inflationsrate liegen.

Das Maß und die Priorität des Sparens haben allerdings nicht unbedingt mit dem Einkommen zu tun, sondern eher mit den Eigenschaften des Charakters. Diese hängen im Übrigen auch mit der Zugehörigkeit zu der jeweiligen Gesellschaftsschicht zusammen und lassen sich grob in etwa so beschreiben:

Die Oberklasse

Das Mitglied der Oberklasse ist am stärksten zukunftsorientiert. Es erwartet ein langes Leben, trägt Verantwortung für die Kinder, die Enkel und sogar für die Urenkel. Des Weiteren trägt es Verantwortung für abstraktere Dinge wie Gemeinde, Staat oder Nation und Menschheit als Ganzes und hat deshalb das starke Bedürfnis, in die Zukunft zu investieren. Gegenwärtige Bedürfnisse werden geopfert für wichtigere Dinge in der Zukunft. Das Mitglied der Oberklasse spart kräftig.

Die Mittelklasse

Das Mitglied der Mittelklasse erwartet auch, zumindest das Alter von 60 bis 70 Jahren zu erreichen und zu genießen, plant für die Kinder, die Enkel und vielleicht sogar für die Urenkel, ist aber weniger zukunftsorientiert. Es spart auch ziemlich stark.

Die Arbeiterklasse

Das Mitglied der Arbeiterklasse wird nicht stark in die Zukunft investieren und auch nicht soweit in die fernere Zukunft. Mit 50 Jahren erwartet man schon alt zu sein und der Zeithorizont wird dementsprechend angeglichen. Das Vertrauen, die Zukunft zu gestalten und damit nicht Spielball des Schicksals zu sein, ist nicht sehr verbreitet. Die Arbeiterklasse sei selbstsicher und hat Selbstvertrauen, aber nicht so sehr wie das Mitglied der Mittelklasse. Auch das Mitglied der Arbeiterklasse spart.

Die Unterklasse

Das Mitglied der Unterklasse lebt von Moment zu Moment. Was nicht sofort konsumiert werden kann, hat keinen Wert. Die körperlichen Bedürfnisse und die Vorliebe für Action schlagen alles andere. Es wird nur gearbeitet, um am Leben zu bleiben und ein wirkliches Interesse für die eigene Arbeit ist nicht vorhanden. Ein Gefühl der Zugehörigkeit zu kommunalen Gruppierungen, zu Nachbarn usw. gebe es nicht und alle Autorität werde missachtet. Das Aufreiben für das Risiko und für die Action, für den Kampf ums Überleben und die dazu nötige Gerissenheit, macht das Leben außerordentlich gewalttätig. Das Mitglied der Unterklasse spart nichts.

Wie auch immer, unabhängig von Alter, Geschlecht, Einkommen, Rasse oder Familienstatus, die richtige Vorgehensweise heute kann helfen, verzweifelte Entscheidungen später zu verhindern. Gegenwärtige Bedürfnisse für wichtigere Dinge in der Zukunft zu opfern – also sparen – kann somit der Schlüssel dazu sein. Aber in was sparen, welches Investment gibt einem über einen längeren Zeitraum die Möglichkeit, zum Beispiel ehrliche 5% oder auch nur 2% (inflationsbereinigt) zu erwirtschaften?

Ein sicheres Investment ist nämlich dann nicht mehr sicher, wenn man Pech im Timing, das Inflationieren der Währung durch die Regierung, oder noch nicht vorhersehbare Steuern mit einberechnet.

Versicherungen und Banken bieten sogenannte sichere Ansparmöglichkeiten, aber auch die sind Spekulation, ob die Menschen es wissen oder nicht. Denn sie setzen eine Stabilität der Institute sowie der Währungen voraus.

Kann das Investieren für Einkommen, also für ständigen Zahlungsfluss in der Zukunft, aus einer sogenannten konservativen Anlage, eine gute Entscheidung sein? Im Anbetracht der jetzt schon gut sichtbaren Risse in den Fundamenten der Gesellschaft und des Sozialgefüges wahrscheinlich nicht.

Eher das Investieren in Sachwerte, Rohstoffe, wertvolle Metalle etc. Ganz sicherlich aber wird sich der physische Besitz von Gold und Silber jedem, der sich damit beschäftigt, geradezu aufdrängen.


Noch eine persönliche Anmerkung: Meines Erachtens deckt sich alles Gesagte auch mit der r/K-Theorie, welche Thema meines neuen Buches Widerstand sein wird.

Bitte unterstützt auch meinen YouTube-Kanal:

3 Kommentare zu „Die vier Generationen

  1. Julius Jung schreibt, dass ein Franzose gesagt hat, eine Gesellschaft wechselt alle 30 Jahre ihre Haut. Das entspricht der Theorie. Leider finde ich die Aussage nicht im Original. Jung zitiert selber.

Kommentar verfassen