Mythos Che Guevara – Teil 3

Teil III: Der Kerkermeister von Rockmusik-Liebhabern, Hipstern und Schwulen

„Die Regierung hielt stets nach langen Haaren Ausschau. Wir nannten Rock ‚Mitternacht-Musik‘, denn das war die sicherste Zeit, um sie auszuprobieren und zu hören. Sogar Regierungsspitzel müssen schlafen, zumal diese Schweine normalerweise sehr früh aufwachten, um mit dem Schnüffeln zu beginnen.“

(Miguel Forcelledo)

Charlie Bravo, Miguel Forcelledo und Carmen Cartaya waren zu ihrer Zeit allesamt „Roqueros“, kubanische Jugendliche, die in den sechziger Jahren Rockmusik genossen. Wenn sie heute ein Che-T-Shirt an einem jungen Headbanger oder an Carlos Santana und Eric Burdon sehen, sind sie weit über den Punkt der Wut oder sogar des Ärgers hinaus. Sie können nur über die Ignoranz (im ersten Falle) bzw. Dummheit (im zweiten und dritten Falle) lachen. In einem Interview mit dem kubanisch-amerikanischen Autor Humberto Fontova, dessen Familie vom Castro-Regime ins Exil geschickt wurde, als er sieben Jahre alt war, erklären sie, warum. Wir werden darauf zurückkommen.

Als Schüler spielte ich in einer Bluesrock-Band. Später als Student zog es mich mehr in Richtung Hard Rock und Heavy Metal, die Liebe zur Rockmusik besteht jedoch ungebrochen seit meiner frühesten Kindheit. Ich weiß es noch wie heute: In meiner Schultüte befand sich eine Doppel-Kassette („MC“) von Deep Purple. Umso bizarrer mutet es rückblickend an, wenn ich daran denke, dass der Zugang zur Küche meiner einstigen Studentenwohnung durch einen „Che“-Bambusvorhang führte.

Warum es bizarr ist, wenn linke oder links-grüne, „rebellische“ Rocker, Metalheads oder Hipster ausgerechnet mit dem Kubaner kokettieren, ist dem Umstand geschuldet, dass letzterer nicht nur Rock’n’Roll verabscheute, sondern auch gerne gegen „lange Haare“, „faule Jugendliche“ und jegliche Anzeichen von Ungehorsam im Allgemeinen wetterte. Er schrieb, dass die jungen Leute „sorgfältig und mit größtem Respekt auf den Rat ihrer Ältesten hören müssen, welche die Regierungsgewalt innehalten.“ Er predigte ferner beständig, dass sich Studenten, anstelle sich mit Idiotischem wie Rockmusik abzulenken, dem Studium, der Arbeit und dem Militärdienst widmen müssten.[1] Laut Humberto Fontova soll „Che“ gesagt haben, die glücklichsten Tage eines Jugendlichen bestünden darin, zu beobachten, wie seine Kugeln einen Feind erreichen.[2] Und anstatt sich während der Sommerferien albernen Beschäftigungen hinzugeben, sollten sich die Schüler freiwillig für den Staatsdienst melden und sich daraufhin – von Glück erfüllt – anstrengen. Für ihn reichte es scheinbar nicht aus, während der Arbeit zu pfeifen. Er soll geschrieben haben, dass Jugendliche nicht nur „glücklich und mit großem Stolz“ für ihre Regierung arbeiten, sondern zudem während des Arbeitens „Regierungsslogans sowie von der Regierung genehmigte Lieder singen“ sollten.[3]

Diejenigen, die ihren eigenen Weg wählten oder zu wählen versuchten, wurden als wertlose Dummis, Missetäter und Verbrecher denunziert. In einer berühmten Rede schwor Guevara sogar, „Individualismus aus der Nation verschwinden zu lassen“, denn es sei „kriminell, an Individuen zu denken!“ [4] Dieser (nationalistische) Nationalheld und linke Lieblings-„Rebell“ verachtete sogar den reinen „Geist der Rebellion“ als „verwerflich“.[5]

„Diese Jugendlichen gehen mit ihren Transistorradios herum und hören imperialistische Musik!“, begeisterte Fidel Castro sein übliches Publikum auf der Plaza de la Revolución, als er die Jagdsaison seines Regimes hinsichtlich kubanischer Hippies ankündigte.

„Sie verderben die Moral junger Mädchen – und zerstören Plakate von Che! Was denken sie? Dass dies ein bürgerlich-liberales Regime ist? Nein! In uns ist nichts Liberales! Wir sind Kollektivisten! Wir sind Kommunisten! Hier wird es keinen Prager Frühling geben!“[6]

Charlie Bravo (s.o.) war ein berüchtigter „Straftäter“ – mit anderen Worten, ein kubanischer Student aus den sechziger Jahren, der sich heute im Exil befindet.  

„Ich hätte diese studentischen Protestierer aus Sorbonne, Berkeley und Berlin gerne mit ihren ‚groovy‘ Che-Postern gesehen, sofern sie versucht hätten, ihre ‚Antiautorität‘ in Kuba unter Beweis zu stellen. Ich hätte gerne gesehen, wie Che und seine Idioten sie in die Hände bekommen. Sie hätten eine kurze Lektion über den Faschismus erhalten, über den sie sich ständig beschwert haben – und aus erster Hand. In den Konzentrationslagern von Castro und Che hätten sie sich schnell schwitzend und nach Luft schnappend wiedergefunden, oder sie wären von ‚groovy‘ Bajonetten in den Hintern gestoßen worden, wenn sie gewagt hätten, langsamer zu arbeiten, und vielleicht wären ihnen ihre Zähne von einem ‚groovy‘ Maschinengewehrkolben zerschlagen worden, sofern sie vor Ches Miliz die gleiche Haltung wie vor diesen Campuspolizisten an den Tag gelegt hätten.“[7]

Historisch gesehen war die Ordnung selten so etabliert wie unter dem Regime von Che Guevara. Laut einem ehemaligen Che-Leutnant, Dariel Alarcon, führte das kubanische Ministerio del Interior (Innenministerium bzw. die kubanische Version der Gestapo und des KGB, von Che indoktriniert und von der STASI ausgebildet) das Land mit allem drum und dran, d.h. totalitär. Es  war Kubas eigentliche Regierung. Die kubanische Nationalversammlung und alles andere waren nicht mehr als Blendwerk bzw. Potemkinsche Politik.[8] Und Alarcon sollte es wissen. Er war fast 20 Jahre lang ein pflichtbewusster Beamter jenes Ministeriums. Wenn jemals ein faschistischer, militärisch-industrieller Komplex, geheime Klüngel oder geheim agierende Regierungstätigkeiten von skrupellosen, machtverrückten Intriganten und Sadisten geführt, getätigt oder betrieben wurden – solche, die Intellektuelle wie Noam Chomsky oder Journalisten wie Norman Mailer (1923-2007) häufig in den USA erkannt haben woll(t)en und beklag(t)en – so war all dies die Realität in genau dem Land, das Chomsky und Konsorten ständig lob(t)en: Das Kuba von Che und Castro.

Die beiden Söhne von „Che“, Ernesto und Camilo, waren keine Hippies. Sie absolvierten einen fünfjährigen Kurs an der KGB-Akademie in Moskau.

„Che spielte eine zentrale Rolle bei der Einrichtung der kubanischen Sicherheitsmaschinerie“, räumt sein Biograf Jorge Castañeda ein.[9]

Bis heute ziert ein zehnstöckiges Wandgemälde von „Che“ das Gebäude des kubanischen Innenministeriums. Er lebt als das Gesicht der kubanischen Gestapo.

Carlos Santanas großer Auftritt bei den Oscars 2005 hatte zweifellos Auswirkungen auf die kubanischen Amerikaner. Der berühmte Gitarrist hielt für die Fotografen an, lächelte verrückt und öffnete seine Jacke. Da war es: Carlos elegant besticktes Che-Guevara T-Shirt. Die Hälfte von Miami saß auf der Couch und wünschte sich, jemand würde sagen: „Zieh dir das rein, Carlos – deine T-Shirt-Ikone hat Konzentrationslager in Kuba für jemanden wie dich errichtet, einschließlich gewöhnlicher Rock’n‘Roll-Fans, die dein Album gekauft haben.“ Pech hatte jeder unglückliche Junge, der versuchte, „imperialistische Yankee-Rockmusik“ in Kuba zu hören. Würde Carlos Santana immer noch grinsen, wenn er wüsste, dass Kuba Carlos Santana und die meiste andere Rockmusik kriminalisierte? Santana wurde zwar erst nach 1969 in Woodstock richtig berühmt, also zu einer Zeit, als „Che“ bereits eine hohe Dosis der Medizin erhalten hatte, die er Hunderten gefesselten und geknebelten Männern und Jungen verabreicht hatte, was so viel bedeutet, als dass die ersten Insassen seiner Konzentrationslager wahrscheinlich des abscheulichen Verbrechens schuldig waren, die Beatles, Stones, Kinks und dergleichen zu hören. Aber das Regime, das Che mitbegründet hatte, hielt die Praxis aufrecht, „Roqueros“ auch dann noch zu verfolgen und einzusperren, als Santana in den Rock-Charts ganz oben stand.

Dennoch gedeiht die Unwissenheit. Rage Against the Machine kleben „Ches“ Image auf ihre Hemden, Gitarren und Verstärker. „Wir haben Che schon lange als fünftes Bandmitglied angesehen“, schwärmt Gitarrist Tom Morello. „Che war ein großartiges Vorbild.“ Morello, dessen Musik so viele Headbanger-Bälle, Feiern und Mosh-Pits inspiriert, könnte womöglich erstaunt sein, wüsste er, dass die erste Anweisung des „großen Vorbilds“ nach Einnahme der kubanischen Stadt Santa Clara – neben der Hinrichtung von 27 „Kriegsverbrechern“ nach einem „Gefecht“ mit vier Opfern (Genaueres in einem noch kommenden Teil) – darin bestand,  das Trinken, Spielen und Tanzen als „bürgerliche Frivolitäten“ zu verbieten.

Ich habe kein Zuhause, keine Frau, keine Eltern, keine Brüder und keine Freunde“, schrieb Che. „Meine Freunde sind nur Freunde, solange sie politisch so denken wie ich.[10]

„Carlos Santana lächelte vakant und gab mir das Peace-Zeichen“, erinnert sich ein junger kubanischer Amerikaner namens Henry Gomez in einem Interview mit Fontova[11] an einen Zusammenstoß mit dem angesagten Gitarristen in San Francisco kurz nach dessen Oscar-Auftritt 2005. Henry trug sein selbstgemachtes „Che’s Dead – Get Over It“-Shirt, als er an der Berühmtheit vorbeikam, während er in einem Café saß. Santana bemerkte sofort das Hemd und kam herüber. „,Che ist vielleicht tot für dich‘, sagte er in klassischem Hippie-Dippy-Stil“, erinnert sich Henry, „aber er lebt in unseren Herzen… bei Che dreht sich alles um Liebe und Mitgefühl.“

„Che hat Hunderte ermordet“, sagte Henry, „es ist vollständig dokumentiert. Er drängte auf das Gegenteil von Liebe. Hass als Faktor des Kampfes. Wir müssen unseren Hass am Leben erhalten und ihn zum Paroxysmus bringen. Hass als…“

Aber Santana hörte nicht zu, als Henry Gomez Che Guevara zitierte. „Che kämpfte für Schwarze, Frauen und Indianer“, sagte er stattdessen. „Vor der kubanischen Revolution durften Frauen die Casinos nicht betreten.“

Jetzt starrte Henry Gomez selbst fassungslos. „Wo fängst du mit dieser Art von realitätsfernem Trottel an?“ Er lachte. „1958 hatte Kuba mehr weibliche Hochschulabsolventen pro Kopf als die Vereinigten Staaten. Und kubanische Frauen gingen in jedes Casino, das sie wollten. Und wenn nicht, dann nicht, weil es ihnen untersagt war.“ Das soll aber nicht heißen, dass „Che“ nicht in der Tat auch einige kubanische Einrichtungen für Frauen eröffnet hatte – politische Gefängnisse und die Hinrichtungsmauer. Santana hatte auch keine Ahnung von Ches berühmtem Rassismus und seinen abfälligen Kommentaren zu Schwarzen und Mexikanern. „Wie ein Idiot“, erinnert sich Henry, „habe ich weiter versucht, Carlos Santana, der sich immer noch über mein T-Shirt ärgerte, ein paar Dinge zu erklären.“ Vergebens.

Und was Tom Morello betrifft, so hätte er einst unter Umständen von einem Gespräch mit einem anderen Heavy-Metal- und Rock-Gitarristen namens Canek Sanchez Guevara (1974-2015) profitiert – „Ches“ eigenem Enkel. Morello hätte einiges über das Regime erfahren können, welches sein „fünftes Ehrenmitglied der Band“ mitbegründet hatte, und aus dem Canek Guevara vor Entsetzen und Abscheu fliehen musste. Einer der vielen Gründe für Caneks Flucht war sein Wunsch, genau dieselbe Art von Musik zu spielen, ohne vom Strafsystem und der Polizei seines Großvaters brutal behandelt zu werden. Hörst du zu, Tom Morello? Carlos Santana? Madonna? Eric Burdon, und wie ihr alle heißen mögt?

„In Kuba gibt es keine Freiheit“, sagte Canek in einem Interview mit dem mexikanischen Proceso-Magazin. „Das Regime fordert Unterwerfung und Gehorsam. (…) Das Regime verfolgt Hippies, Homosexuelle, Freidenker und Dichter. (…) Sie setzen ständige Überwachung, Kontrolle und Unterdrückung ein.“[12]

Ein ehemaliges Mitglied der Kommunistischen Partei Argentiniens, Hector Navarro, ebenfalls Fernsehreporter und Professor für Rechtswissenschaften, besuchte 1998 Kuba, um über den Besuch von Papst Johannes Paul II. zu berichten. „Eine Gruppe junger kubanischer Musiker spielte für uns Touristen am Strand von Santa Maria“, erinnert sich Navarro. „Also bin ich zu ihnen gegangen und habe stolz verkündet, dass ich ein Argentinier wie Che bin.“ Die Musiker starrten Navarro finster an. Also versuchte er es erneut: „Ich habe sogar ein Bild von Che in mein Büro gehängt!“, verkündete er nun. Weitere leere Blicke. Also pflügte Navarro voraus. „Ich komme aus der Stadt Rosario selbst – Ches Geburtsort!“ Jetzt gingen die Musiker von leeren Blicken unumwunden zum Stirnrunzeln über. „Mit so etwas habe ich sicher nicht gerechnet“, sagt Navarro. „Aber ich fuhr fort und forderte sie auf, ein in Argentinien sehr beliebtes Lied mit dem Titel ‚Y tu querida presencia, Cmdte. Che Guevara!‘ zu spielen. Jetzt nannte mich jeder von ihnen ein vollständiges ‚Cara de culo‘ (Arschgesicht). Erst, als ich zehn US-Dollar herausrückte und ihnen aushändigte, haben sie angefangen zu spielen, aber auf eine sehr verzweifelte Art und Weise und immer noch mit diesen mürrischen Blicken.“ Anhand mehr und mehr Treffen mit tatsächlichen Kubanern kollidierten Hector Navarros lang gehegte kubanische Fantasien immer mehr mit der Realität. „Ich war anderthalb Monate in Kuba“, sagt Navarro. Als kommunistischer Genosse durfte er sich jedoch außerhalb der touristischen Gebiete aufhalten. „Dies war die wichtigste Reise meines Lebens – sonst hätte ich vielleicht weiter an Sozialismus und Che geglaubt. Endlich habe ich mit eigenen Augen gesehen und erfahren, dass Castros und Ches Version nicht anders ist als die von Stalin und Ceausescu.“[13]

Fortsetzung folgt.

(Teil 2 – Der Terrorist <—> Teil 4)


[1] James (1969), S. 323.

[2] Fontova (2007), S. 11.

[3] Ebd.

[4] Anderson (1997), S. 470.

[5] Sauvage, Leo: Che Guevara. The Failure of a Revolutionary. New York 1973, S. 126.

[6] Ebd, S. 258.

[7] Fontova (2007), S. 13.

[8] Alarcon, Dariel: Benigno. Memorias de un Soldado Cubano. Barcelona 1997, S. 253.

[9] Castañeda, Jorge: Compañero. The Life and Death of Che Guevara. New York 1997, S. 146.

[10] Llano, Víctor: El carnicerito de La Cabaña, in: Libertad Digital, 15.11.2004.

[11] Fontova (2007), S. 16.

[12] Interview mit Canek Sanchez Guevara, in: Proceso, Mexiko, 17.10.2004. Ebenfalls interessant: Libcom: Sanchez Guevara, Canek: Che’s anarchist grandson, 1974-2015, URL: https://libcom.org/history/che%E2%80%99s-grandson-anarchist

[13] Navarro, Hector: Un Viaje a Cuba, in: ContactoCuba, 22.01.2006.

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