Freiheitliche Moraltheorie

Ethik bzw. Moral war stets eines der großen Regierungsprogramme der Geschichte. Da Könige und Priester über die Menschheit herrschten, wurden nur diejenigen Philosophen, die ihren Interessen dienten, in den Vordergrund gerückt – anstatt ausgegrenzt, eingesperrt, vergiftet oder verbrannt. Über 2.500 Jahre nach ihrer Gründung ist die Disziplin der Ethik/Moral daher weitgehend subjektivistisch, relativistisch und kulturell – und konnte nicht nur die blutigsten Schrecken, Kriege und Völkermorde des 20. Jahrhunderts nicht verhindern, sondern spielte womöglich auch eine Rolle während der hundert blutigsten Jahre der Geschichte unserer Spezies.

Stefan Molyneux schrieb mit Universally Preferable Behavior: A Rational Proof Of Secular Ethics ein Buch, das radikale und rationale Argumente für ein nicht religiöses, nicht etatistisches, vollständig säkulares Set ethisch-moralischer Standards enthält, die das sogenannte Nicht-Aggressionsprinzip – „Du sollst keine Gewalt gegen deine Mitmenschen initiieren“ – und die grundlegende Logik zur Achtung von Eigentumsrechten validieren.

Das rigorose, analytische und herausfordernde Buch bietet eine solide Grundlage für eine säkulare Ethik/Moral. In diesem Artikel möchte ich einige der Punkte vorstellen.

Eine der zentralen Herausforderungen für Individuen, die das Initiieren von Gewalt zum Ziele der Selbstbestimmung und Bedürfnisbefriedigung ablehnen – man nenne sie „Libertäre“, „Voluntaristen“, „Anarchokapitalisten“ o.Ä. (fortan wird der Einfachheit halber nur der Begriff „Libertäre“ verwendet) – liegt im Nachweis der universellen Richtigkeit einer entsprechenden Moraltheorie, während etatistische und kollektivistische Moraltheorien falsch sind. Solange die ethisch-moralischen Regeln nicht der gleichen Strenge und Logik unterliegen können wie alle anderen Behauptungen und Theorien, werden oben genannten Individuen Subjektivismus und politische Vorurteile für immer im Weg stehen.

Warum ist dieser Ansatz so wichtig? Warum sollte man sich mit der anstrengenden Aufgabe beschäftigen, einen logischen Rahmen für die Prüfung ethisch-moralischer Regeln zu schaffen – und der noch anstrengenderen Aufgabe, diesen Rahmen anderen mitzuteilen? Nun, wie unschwer zu erkennen ist, hat die Freiheitsbewegung im Laufe der Geschichte bemerkenswert wenige Fortschritte gemacht. Ludwig von Mises (1881-1973) schrieb in den 1920er Jahren wegweisende Werke, die die wirtschaftliche Effizienz des Sozialismus und des Kommunismus widerlegten – jetzt, bald 100 Jahre später, rutschen die westlichen Gesellschaften immer noch in den prognostizierten Sumpf von immer größer werdender Staatsmacht, immer größer werdenden öffentlichen Schulden und rückläufigen Volkswirtschaften. Obwohl die wirtschaftlichen Theorien des freien Marktes im akademischen Bereich einige Fortschritte erzielt haben mögen, konnten sie die ständige Ausweitung der Staatsmacht nicht bremsen, geschweige denn umkehren.

Der Grund dafür ist womöglich denkbar einfach: Libertäre haben die ethisch-moralische Argumentation nie gewonnen. Eine Zeitlang argumentierten eigentlich relativ wenige Gegner, dass die Regierung effizienter sei als der freie Markt, dass uns der Kommunismus „befreien“ werde oder dass Privateigentum Diebstahl sei – gegenwärtig mag sich dieser Umstand leider und erschreckenderweise wieder schrittweise umkehren. Alle alten sozialistischen Plattitüden wurden argumentativ zur letzten Ruhe gebettet – und dennoch unterstützen die meisten Menschen die Regierungsgewalten, weil sie glauben, dass Regierungsmacht ethisch-moralisch sei. Die meisten Menschen glauben, dass die Regierung sich um die Armen, Alten und Kranken kümmert, uns vor korporativen und militaristischen Feinden schützt (selbst wenn man sich im Alltag empirisch vom Gegenteil überzeugen kann), die Jugend erzieht, uns Straßen und Kindergärten  baut usw. – wir haben alle seit Anbeginn der Zeit den gleichen Unsinn gehört. Alles, was wir jedoch als Antwort darauf sagen, ist, dass die Regierung diese Dinge ineffizient ausführt und dass der freie Markt besser wäre – keine davon berührt die zentrale Begründung der Staatsmacht, nämlich, dass die Menschen glauben, dass sie gut sei.

Feinde der Selbstbestimmung und des freien Marktes – fortan Freiheitsfeinde genannt – verstehen die Macht des sich aus der Moral speisenden Arguments weitaus besser als Libertäre. Sie reiten permanent auf der Tugend der Staatsmacht umher, angefangen im Kindergarten mit Umweltschutz (seit geraumer Zeit „Klimaschutz“), freundlichen, „engagierten“ und „verantwortungsbewussten“ Politikern, dem Bedürfnis nach Kinderbetreuung etc. Die Welt sei gefährlich, hören Kinder, und „Kapitalisten“ wollen sie ausbeuten und mit Smog töten, nur ihre freundliche Regierung sei immer bemüht, zu dienen, zu helfen und zu schützen. Kinder erfahren staatliche Macht zunächst in Form von „starken“, „wohlgesinnten“ und freundlichen Lehrern der Staatsschule – wie könnten sie da die Gewalt, die der Regierung zugrunde liegt, sehen und einschätzen?

Wie können wir uns dem widersetzen? Wie können wir am besten daran arbeiten, die endlose Propaganda von pro-staatlicher Schule, Staatsmedien und Vorurteilen rückgängig zu machen?

Antwort: Indem wir aus der Geschichte lernen. Um eine Schlacht zu gewinnen, muss man sich zuerst fragen: Wie wurden in der Vergangenheit ähnliche Schlachten gewonnen?

Die engste historische Analogie zu unserer gegenwärtigen Situation ergab sich im 15. und 16. Jahrhundert während des Aufstiegs der wissenschaftlichen Methode. Die frühen Pioniere, die sich für eine rationale und empirische Herangehensweise an das Wissen einsetzten, sahen sich den gleichen Vorurteilen gegenüber, denen wir heute gegenüberstehen – der gleichen Irrationalität, der verankerten Macht von Kirche und Staat, den mystischen und subjektiven „Absoluten“ sowie früh einsetzenden Bildungsbarrieren. Diejenigen, die das Primat der Rationalität und der empirischen Beobachtung gegenüber dem mystischen Fundamentalismus verteidigten, sahen sich der entschlossenen Opposition derjenigen gegenüber, die sowohl Kreuz als auch Schwert trugen. Viele wurden als Ketzer für ihre intellektuelle Ehrlichkeit zu Tode gefoltert – wir sind (noch) einem weitaus geringeren Risiko ausgesetzt und sollten daher weitaus mutiger für das eintreten, was wahr ist, anstatt für das, was geglaubt wird.

Um die falsche Moral der Staatsmacht anzugreifen, müssten Libertäre wie die ersten Wissenschaftler von vorne beginnen. Francis Bacon (1561-1626) argumentierte nicht, dass die wissenschaftliche Methode effizienter sei als Gebet, Bibeltexte oder Visionen vom Verhungern. Er sagte einfach, dass wir, wenn wir die Natur verstehen wollen, sie beobachten und logisch theoretisieren müssen – und dass es keinen anderen Weg zum Wissen gibt.

Libertäre müssten den gleichen Ansatz bei der Definition und Vermittlung von Moral verfolgen. Sie müssten damit beginnen, die Macht und Legitimität der wissenschaftlichen Methode zu nutzen, um die Existenz und Universalität ethisch-moralischer Gesetze zu beweisen. Sie müssten von vorne beginnen, logisch aufbauen und alle irrationalen oder nicht empirischen Substitute für die Wahrheit ablehnen.

Wie sieht das in der Praxis aus? Indem die folgenden Axiome aufgestellt werden:

  • Ethik/Moral existiert.
  • Ethisch-moralische Regeln müssen für alle Menschen kohärent sein.
  • Je konsequenter eine Moraltheorie ist, desto gültiger ist sie.
  • Der Libertarismus ist die konsequenteste Moraltheorie.
  • Daher ist Libertarismus die gültigste Moraltheorie.

Hört sich ziemlich viel verlangt an, oder? Auf den nächsten Seiten sollen zumindest die ersten drei gestreift werden.

Ganz zu Beginn stellt sich die Frage: Gibt es überhaupt ethisch-moralische Regeln – oder ein konsistentes, bevorzugbares, menschliches Verhalten?

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, wenn es um ethisch-moralische Regeln geht, genau wie in jeder logischen Wissenschaft. Entweder existieren ethisch-moralische Regeln oder sie existieren nicht. (In der Physik lautet die Frage: Entweder existieren physikalische Regeln oder sie existieren nicht.)

Wenn ethisch- moralische Regeln existieren, wo existieren sie? Mit Sicherheit nicht in der materiellen Realität, die keine einzige ethisch-moralische Regel enthält oder befolgt. Ethisch-moralische Regeln unterscheiden sich von den Regeln der Physik, ebenso wie die wissenschaftliche Methode sich von der Schwerkraft unterscheidet. Die Materie gehorcht von Natur aus der Schwerkraftregel oder dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, aber „Du sollst nicht töten“ ist nirgends in die Natur der Dinge eingeschrieben. Physikalische Gesetze beschreiben das Verhalten der Materie, enthalten jedoch keine einzige Vorschrift. Die Wissenschaft sagt, dass Materie sich auf eine bestimmte Art und Weise verhält – niemals, dass sie sich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten sollte. Eine Gravitationstheorie beweist, dass ein Mann, der von einer Klippe gestoßen wird, fallen wird. Sie wird einem nicht sagen, ob man ihn stoßen soll oder nicht.

Man kann also nicht sagen, dass ethisch-moralische Regeln in der materiellen Realität existieren, und sie werden auch nicht automatisch wie die Gesetze der Physik befolgt – was nicht bedeutet, dass ethisch-moralische Gesetze falsch oder irrelevant seien. Die wissenschaftliche Methode existiert in der Realität ebenfalls nicht – und ist auch optional –, ist aber weder falsch noch irrelevant.

Ethisch-moralische Theorien der wissenschaftlichen Methode zu unterwerfen, bietet dieselben Vorteile wie physikalische Theorien der wissenschaftlichen Methode zu unterwerfen. Vor dem Aufkommen der wissenschaftlichen Methode resultierte das Verhalten der Materie aus der subjektiven Laune von Göttern und Teufeln – so wie es die Moral heute ist. Vulkane brachen aus, weil der Berggott wütend war. Gute Ernten resultierten aus Menschenopfern. Man glaubte nicht, dass absolute physikalische Gesetze existieren, die den Willen der Götter einschränkten – und so konnte sich die Wissenschaft niemals entwickeln. Diejenigen, die davon profitierten, die physische Realität als subjektiv zu definieren – meistens Priester und Könige –, kämpften gegen die Unterwerfung physischer Theorien unter die wissenschaftliche Methode, ebenso wie diejenigen, die davon profitier(t)en, die Moral/Ethik als subjektiv zu definieren – meistens Politiker, Soldaten, Philosophen und Journalisten –, sprich dagegen kämpfen, ethisch-moralische Theorien der wissenschaftlichen Methode zu unterwerfen.

Der Aufstieg der wissenschaftlichen Wahrheit resultierte aus der Erweiterung der wissenschaftlichen Methode, die eine Methode zur Trennung genauer von ungenauen Theorien darstellte, indem sie zwei zentralen Tests unterzogen wurden: Logischer Konsistenz und empirischer Beobachtung – und indem die logische Konsistenz immer der empirischen Beobachtung unterworfen wurde. Wenn ich eine vollkommen konsistente und logische Theorie vorschlage, die besagt, dass ein Stein beim Abwurf von einer Klippe auf der Oberfläche schwimmt, beweist jeder empirische Test, dass meine Theorie falsch ist, da die Beobachtung immer die Theorie übertrumpft.

Ein weiterer Aspekt der wissenschaftlichen Methode ist die Überzeugung, dass das Verhalten von Materie auch allgemein, stet und vorhersehbar sein muss, da Materie aus Kombinationen von Atomen mit allgemeinen, steten und vorhersehbaren Eigenschaften besteht. Experimente müssen also an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten reproduzierbar sein. Ich kann nicht behaupten, dass meine Theorie vom auftauchenden Stein für nur einen bestimmten Felsen oder an dem Tag, an dem ich ihn zum ersten Mal getestet habe, oder an einem einzelnen Ort richtig sei. Meine Theorien müssen das Verhalten der Materie beschreiben, das universell, allgemein, stet und vorhersehbar ist.

Schließlich gibt es eine allgemein anerkannte Regel – manchmal auch als „Ockhams Rasiermesser“ bezeichnet –, die besagt, dass von zwei Erklärungen die einfachere wahrscheinlich die genauere ist. Vor der kopernikanischen Revolution, als die Erde als Zentrum des Universums galt, verursachte die rückläufige Bewegung des Mars, als die Erde die Sonne umkreiste, enorme Probleme für das ptolemäische System astronomischer Berechnungen. Kreise innerhalb der Kreise vervielfachten sich enorm, die alle beseitigt wurden, nachdem die Sonne in die Mitte des Sonnensystems gestellt wurde.

Daher muss jede gültige wissenschaftliche Theorie (a) universell, (b) logisch, (c) empirisch überprüfbar, (d) reproduzierbar und (e) so einfach wie möglich sein.

Nun ist die Methodik zum Beurteilen und Beweisen einer Moraltheorie genau dieselbe wie die Methodik zum Beurteilen und Beweisen einer anderen wissenschaftlichen Theorie.

Die erste Frage zu Moraltheorien lautet: Was sind sie? Einfach ausgedrückt, Moral ist ein Satz von Regeln, die behaupten, bevorzugbare menschliche Verhaltensweisen genau und konsistent zu identifizieren, genauso wie Physik ein Satz von Regeln ist, die behaupten, das Verhalten von Materie genau und konsistent zu identifizieren.

Die zweite Frage ist: Gibt es überhaupt ein bevorzugbares Verhalten? Wenn dies der Fall ist, können wir untersuchen, wie sich ein solches Verhalten auswirken könnte. Wenn nicht, dann muss unsere Untersuchung hier aufhören – so wie die Untersuchung des Äthers aufgehört hat, nachdem Albert Einstein (1879-1955) bewiesen hatte, dass die Lichtgeschwindigkeit konstant war.

Die Behauptung, dass es kein bevorzugbares Verhalten gebe, enthält eine unüberwindliche Anzahl logischer und empirischer Probleme.

Bevorzugbares Verhalten muss aus fünf Hauptgründen existieren.

Das erste ist logisch: Wenn ich gegen die Behauptung argumentiere, dass es ein bevorzugbares Verhalten gibt, habe ich bereits meine Präferenz für die Wahrheit gegenüber der Lüge gezeigt – sowie eine Präferenz für die Korrektur derer, die falsch sprechen. Zu sagen, dass es so etwas wie ein bevorzugbares Verhalten nicht gebe, ist wie jemandem ins Ohr zu schreien, dass es keinen Klang gebe – es ist von Natur aus widersprüchlich. Mit anderen Worten, wenn es kein bevorzugbares Verhalten gibt, sollte man sich jedem widersetzen, der behauptet, dass es ein solches sehr wohl gibt. Wenn man jedoch etwas tun soll, hat man ein bevorzugbares Verhalten erstellt. Daher müssen bevorzugbare Verhaltensweisen – oder ethisch-moralische Regeln – existieren.

Syllogistisch bedeutet dies:

  1. Bevorzugbares Verhalten besteht.
  2. Wer sich gegen das Vorhandensein eines bevorzugbaren Verhaltens ausspricht, demonstriert bevorzugbares Verhalten.
  3. Daher kann kein Argument gegen das Vorliegen eines bevorzugbaren Verhaltens stimmig sein.

Woher wissen wir sonst, dass ethisch-moralische Regeln existieren? Alle Materie unterliegt physikalischen Regeln – und alles, was organisch ist, unterliegt zusätzlich bestimmten Anforderungen und hat sich, wenn es lebendig ist, bevorzugt verhalten. Alles, was lebt, braucht zum Beispiel Brennstoff und Sauerstoff, um am Leben zu bleiben – auch Pflanzen, die dem Sonnenlicht ausgesetzt sind. Jeder lebende Geist ist natürlich ein organischer Teil der physischen Welt und muss daher beiden physischen Gesetzen unterworfen sein und hat bevorzugbare Verhaltensweisen befolgt. Andernfalls wäre der Beweis erforderlich, dass das Bewusstsein nicht aus Materie besteht und nicht organisch ist – eine Unmöglichkeit, da es Masse, Energie und Leben in sich vereint. Zu argumentieren, dass das Bewusstsein weder physischen Regeln noch bevorzugbaren Entscheidungen unterworfen ist, wäre so, als würde man argumentieren, dass Menschen nicht der Schwerkraft unterliegen und ohne Essen gedeihen können. Es ist daher unmöglich, dass jemand gegen bevorzugbares Verhalten argumentieren kann, da er, wenn er am Leben ist, bevorzugbare Verhaltensweisen wie Atmen, Essen und Trinken befolgt hat.

Oder:

  1. Alle lebenden Organismen benötigen zum Leben ein bevorzugbares Verhalten.
  2. Der Mensch ist ein lebender Organismus.
  3. Daher leben alle lebenden Menschen aufgrund der Existenz und Praxis des bevorzugbaren Verhaltens.
  4. Daher setzt jedes Argument gegen bevorzugbares Verhalten die Existenz eines bevorzugbaren Verhaltens voraus.
  5. Daher kann kein Argument gegen das Vorliegen eines bevorzugbaren Verhaltens gültig sein.

Da die wissenschaftliche Methode eine empirische Bestätigung erfordert, müssen wir auch auf die Realität schauen, um unsere Hypothese zu bestätigen – und hier wird die Existenz von bevorzugbaren Verhaltensweisen voll unterstützt. Fast jeder Mensch glaubt an ethisch-moralische Regeln. Es gibt viele Meinungsverschiedenheiten darüber, was ethisch-moralische Regeln ausmacht, aber jeder ist sich sicher, dass ethisch-moralische Regeln gültig sind – so wie wissenschaftliche Theorien nicht übereinstimmen, aber alle Wissenschaftler die Gültigkeit der wissenschaftlichen Methode selbst akzeptieren. Etwas zu widerlegen, an das jeder glaubt, ist fast unmöglich. Man kann argumentieren, dass die Erde rund und nicht flach ist – analog zu einer Änderung der Definition von Ethik/Moral –, aber man kann nicht argumentieren, dass die Erde überhaupt nicht existiert, was wiederum dem Argument gleicht, dass es kein bevorzugbares Verhalten gebe.

Oder:

  1. Damit eine wissenschaftliche Theorie gültig ist, muss sie durch empirische Beobachtung gestützt werden.
  2. Wenn bevorzugbares Verhalten existiert, sollte die Menschheit an bevorzugbares Verhalten glauben.
  3. Fast alle Menschen glauben an bevorzugbares Verhalten.
  4. Daher gibt es empirische Belege für das Vorhandensein eines bevorzugbaren Verhaltens – und das Vorhandensein solcher Belege widerspricht der Annahme, dass es kein bevorzugbares Verhalten gibt.

Das vierte Argument für das Vorliegen eines bevorzugbaren Verhaltens ist ebenfalls empirisch. Da der Mensch im Leben fast unendlich viele Entscheidungen treffen kann, wäre die Aussage, dass es keine Prinzipien für bevorzugbares Verhalten gibt, gleichzusetzen mit der, dass alle Entscheidungen gleich sind. Alle Entscheidungen sind jedoch weder logisch noch durch empirische Beobachtung gleich. Wenn zum Beispiel Nahrung verfügbar ist, essen fast alle Menschen jeden Tag. Wenn Menschen nicht selbst Gewalt ausgesetzt sind, sind sie im Allgemeinen nicht gewalttätig. Fast alle Eltern ziehen es vor, ihre Kinder zu füttern und zu beschützen. Es gibt viele Beispiele für gemeinsame Entscheidungen unter Menschen, die darauf hinweisen, dass Präferenzverhalten im Überfluss vorhanden und Teil der menschlichen Natur ist – und dass jede Theorie, die etwas anderes behauptet, all diese Beispiele erklären muss.

Oder:

  1. Die Auswahlmöglichkeiten sind nahezu unbegrenzt.
  2. Die meisten Menschen treffen sehr ähnliche Entscheidungen.
  3. Daher können nicht alle Entscheidungen gleich sein.
  4. Daher müssen bevorzugbare Auswahlmöglichkeiten bestehen.

Das fünfte Argument für das Bestehen eines bevorzugbaren Verhaltens ist biologisch. Da alles organische Leben ein bevorzugbares Verhalten erfordert, können wir davon ausgehen, dass die Organismen, die die erfolgreichsten Entscheidungen treffen, diejenigen sind, die am häufigsten zum Überleben selektiert werden. Da der Mensch mit hoher Wahrscheinlichkeit die erfolgreichste Spezies und das unterscheidungskräftigste Organ des Menschen sein Verstand ist, muss es der Verstand des Menschen sein, der am meisten dazu beigetragen hat, erfolgreiche Entscheidungen zu treffen. Der Geist selbst wurde aufgrund seiner Fähigkeit, erfolgreiche Entscheidungen zu treffen, als erfolgreich selektiert. Da der menschliche Geist nur als Ergebnis der Wahl des bevorzugbaren Verhaltens existiert, müssen bevorzugbare Verhaltensweisen existieren.

Oder:

  1. Organismen haben Erfolg, indem sie gemäß bevorzugbarem Verhalten handeln.
  2. Der Mensch ist der erfolgreichste Organismus.
  3. Daher muss der Mensch am erfolgreichsten auf der Grundlage des bevorzugbaren Verhaltens gehandelt haben.
  4. Der Geist des Menschen ist sein markantestes Organ.
  5. Daher muss der Verstand des Menschen auf der Grundlage des bevorzugbaren Verhaltens am erfolgreichsten gehandelt haben.
  6. Daher muss bevorzugbares Verhalten existieren.

Aufgrund der oben genannten Probleme kann jedes Argument gegen das Vorliegen eines bevorzugbaren Verhaltens als falsch erachtet werden.

Da wir das Vorhandensein eines bevorzugbaren Verhaltens bewiesen haben, verschiebt sich nun die Frage der Moral. Welche Theorien können bevorzugbares Verhalten quantifizieren, klassifizieren, erklären und vorhersagen?

Zuallererst müssen wir uns daran erinnern, dass Ethik/Moral optional ist. Wie wir alle wissen, ist jeder Mensch der Schwerkraft unterworfen und benötigt Nahrung zum Leben, aber niemand muss ethisch-moralisch handeln. Wenn ich stehle oder töte, trifft mich kein Blitz vom Himmel. Ethisch-moralische Regeln – wie die wissenschaftliche Methode oder die biologische Systematik – sind lediglich Mittel und Wege, die Fakten und Prinzipien dessen zu organisieren, was existiert.

Die Tatsache, dass die Einhaltung ethisch-moralischer Regeln freiwillig ist, hat viele Denker zu der Annahme verunsichert, dass Ethik/Moral, weil sie freiwillig ist, subjektiv sei. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt! Lebende Organismen sind Teil der materiellen Realität, und die materielle Realität ist rational und objektiv. Die Anwendung ethisch-moralischer Theorien ist optional, aber das bedeutet nicht, dass ethisch-moralische Theorien subjektiv sind. Die wissenschaftliche Methode ist optional, aber nicht subjektiv. Die Anwendung biologischer Klassifikationen ist optional, die Biologie jedoch ist nicht subjektiv. Die Auswahl ist optional. Konsequenzen sind es nicht. Ich kann wählen, nicht zu essen, aber ich kann nicht wählen, ohne zu essen zu leben. Ich kann mich dafür entscheiden, jemanden zu enthaupten, aber ich kann nicht entscheiden, ob er ohne Kopf leben kann oder nicht. Moralität ist daher optional, aber die Auswirkungen ethisch-moralischer Entscheidungen sind messbar und objektiv. Es gibt dabei keinerlei Subjektivität.

Nun, da Ethik/Moral existiert, lautet die nächste Frage: Inwieweit oder inwieweit existiert Ethik/Moral? Wie oben erwähnt, ist der erste Test einer wissenschaftlichen Theorie die Universalität. So wie eine Theorie der Physik für alle Materie gelten muss, muss eine Moraltheorie, die behauptet, die bevorzugbaren Handlungen der Menschheit zu beschreiben, für alle Menschen gelten. Keine Moraltheorie kann gültig sein, wenn sie argumentiert, dass eine bestimmte Handlung in Deutschland richtig, in Syrien jedoch falsch ist. Sie kann nicht sagen, dass Person A X tun muss, aber Person B darf niemals X tun. Sie kann nicht sagen, dass das, was gestern falsch war, heute richtig ist – oder umgekehrt. Wenn dies der Fall ist, ist sie falsch und muss verfeinert oder verworfen werden.

Um gültig zu sein, muss jede Moraltheorie auch die Kriterien der logischen Konsistenz erfüllen. Da das Verhalten der Materie logisch, konsistent und vorhersehbar ist, müssen alle Theorien, die die Materie betreffen – entweder organische oder anorganische –, auch logisch, konsistent und vorhersehbar sein. Die Relativitätstheorie kann nicht behaupten, dass die Lichtgeschwindigkeit sowohl konstant als auch nicht konstant ist, oder dass sie 186.000 Meilen pro Sekunde, zehn Meter tief und grün ist.

Da jedoch ethisch-moralische Theorien auf die Menschheit zutreffen und die Menschheit organisch ist, ist der für ethisch-moralische Theorien erforderliche Grad an Konsistenz geringer als der für anorganische Theorien erforderliche. Zum Beispiel müssen alle Steine ​​fallen, aber nicht alle Pferde müssen mit nur einem Kopf geboren werden. Die Biologie umfasst drei Formen der Zufälligkeit: Umwelt, genetische Mutation und freier Wille. Zum Beispiel sind Pudel im Allgemeinen freundlich, aber wenn sie jahrelang geschlagen werden, werden sie wahrscheinlich aggressiv. Pferde haben nur einen Kopf, aber gelegentlich wird eine Mutante mit zwei Köpfen geboren. Ebenso essen Menschen im Allgemeinen lieber als zu verhungern – mit Ausnahme von Magersüchtigen. Diese Ausnahmen beeinträchtigen nicht die gesamte Wissenschaft der Biologie. Da Moraltheorien die Menschheit beschreiben, können sie daher nicht genau den gleichen Anforderungen an die Konsistenz unterworfen werden wie Theorien, die anorganische Materie beschreiben.

Der letzte Test, den eine wissenschaftliche Moraltheorie bestehen muss, ist das Kriterium der empirischen Beobachtung. So muss beispielsweise eine Moraltheorie die universelle Verbreitung ethisch-moralischer Überzeugungen unter der Menschheit sowie die Ergebnisse menschlicher ethisch-moralischer Experimente wie Faschismus, Kommunismus, Sozialismus oder Kapitalismus erklären. Sie muss auch einige grundlegende Tatsachen über die menschliche Gesellschaft erklären, wie die Tatsache, dass die Staatsmacht immer größer wird oder dass die Propaganda tendenziell zunimmt, wenn die Staatsmacht größer wird. Wenn es nicht gelingt, die Vergangenheit zu erklären, die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft vorherzusagen, schlägt sie fehl.

Wie sieht das alles in der Praxis aus? Schauen wir uns an, wie das Erfordernis der Universalität ethisch-moralische Theorien beeinflusst.

Wenn ich sage, dass die Schwerkraft die Materie beeinflusst, muss sie alle Materie beeinflussen. Wenn sich auch nur ein Punkt der Materie als schwerkraftbeständig erweist, steckt meine Theorie in Schwierigkeiten. Wenn ich eine Moraltheorie vorschlage, die besagt, dass Menschen nicht morden sollen, muss sie für alle Menschen gelten. Wenn bestimmte Personen (zum Beispiel Soldaten) von dieser Regel ausgenommen sind, muss ich entweder beweisen, dass Soldaten keine Personen sind, oder akzeptieren, dass meine Moraltheorie falsch ist. Es gibt keine andere Möglichkeit. Wenn ich andererseits eine Moraltheorie vorschlage, die besagt, dass alle Menschen morden sollen, dann habe ich bestimmte Soldaten gerettet, aber alle, die gerade jemanden nicht ermorden (einschließlich derer, die ermordet werden!), Zum Bösen verurteilt – was sicherlich falsch ist.

Wenn ich, um die Tugend der Soldaten zu retten, meine Theorie dahingehend ändere, dass es ethisch-moralisch ist, Menschen zu ermorden, wenn jemand anderes sie dazu auffordert (etwa ein politischer Führer), dann muss ich mich mit dem Problem der Universalität befassen. Wenn Politiker A einem Soldaten befehlen kann, einen Iraker zu ermorden, muss der Iraker auch befehlen können, Politiker A zu ermorden, und der Soldat kann auch Politiker A befehlen, den Iraker zu ermorden. Dieses Problem kann nicht gelöst werden und meine Theorie hat sich als ungültig erwiesen.

Ich kann auch logischerweise nicht behaupten, dass es für manche Menschen falsch ist, zu morden, aber für andere Menschen richtig. Da alle Menschen gemeinsame physikalische Eigenschaften und Anforderungen haben, ist es unmöglich, eine Regel für eine Person und die entgegengesetzte Regel für eine andere Person zu haben – es ist wie eine physikalische Theorie, die besagt, dass einige Steine ​​herunter, während andere nach oben fallen. Es ist nicht nur unlogisch, es widerspricht auch den beobachtbaren Tatsachen der Realität, nämlich dass der Mensch als Spezies gemeinsame Merkmale aufweist und daher keinen entgegengesetzten Regeln unterworfen werden kann. Biologen haben keine Probleme damit, bestimmte Organismen als Menschen zu klassifizieren, da sie gemeinsame und leicht identifizierbare Merkmale aufweisen. Nur Moralisten scheinen diese Schwierigkeit zu haben.

Wenn meine Moraltheorie außerdem beweist, dass ein und derselbe Mann nicht eines Tages, sondern am nächsten Tag morden sollte (etwa wenn er in die irakische Wüste hinausgeht), dann ist meine Position noch lächerlicher. Das würde bedeuten, dass an einem Tag ein Stein nach unten fällt und am nächsten Tag nach oben. Wenn man das eine konsequente Theorie nennt, nennt man Wahnsinn vernünftig. Da wissenschaftliche Theorien logische Konsistenz erfordern, kann eine Moraltheorie nicht gültig sein, wenn sie gleichzeitig wahr und falsch ist. Eine Moraltheorie, die zum Beispiel das Stehlen gutheißt, steht vor einem unüberwindlichen logischen Problem. Keine Moraltheorie sollte, wenn sie universell angewendet wird, das Verhalten, das sie als ethisch-moralisch definiert, direkt beseitigen und gleichzeitig ein Verhalten erzeugen, das sie als unethisch-unmoralisch definiert. Wenn jeder stehlen sollte, wird niemand stehlen – was bedeutet, dass die Moraltheorie niemals praktiziert werden kann. Und warum wird niemand stehlen? Nun, weil ein Mensch nur stehlen wird, wenn er das Eigentum behalten kann, das er stiehlt. Er wird sich nicht die Mühe machen, eine Brieftasche zu stehlen, wenn jemand anderes ihm diese Brieftasche sofort stiehlt. Jede Moraltheorie, die vorschlägt, dass Diebstahl gut ist, ist ebenfalls automatisch ungültig, da sie davon ausgeht, dass Eigentumsrechte gleichzeitig gültig und ungültig sind, und somit den Test der logischen Konsistenz nicht besteht. Wenn ich von Ihnen stehle, sage ich, dass Ihre Eigentumsrechte ungültig sind. Ich möchte jedoch behalten, was ich stehle – und daher sage ich, dass meine Eigentumsrechte gültig sind. Eigentumsrechte können jedoch nicht gleichzeitig gültig und ungültig sein! Ebenso steht jede Moraltheorie, die Vergewaltigung befürwortet, einem ähnlichen Widerspruch gegenüber. Vergewaltigung kann niemals ethisch-moralisch sein, da sich jedes Prinzip, das sie billigt, automatisch selbst widerspricht. Wenn Vergewaltigung aufgrund des Grundsatzes gerechtfertigt sein soll, dass „Genuss immer gut ist“, dann besteht ein solcher Grundsatz den Test der logischen Konsistenz nicht, da der Vergewaltiger vielleicht „Spaß hat“, sein Opfer jedoch mit Sicherheit nicht. (Dasselbe gilt natürlich für Mord und Körperverletzung.)

Indem man ethisch-moralische Theorien der wissenschaftlichen Methode unterwirft, entstehen Ergebnisse, die der Rationalität, den empirischen Beobachtungen und dem gesunden Menschenverstand entsprechen. Mord, Raub (Besteuerung), Diebstahl, Brandstiftung, Vergewaltigung und Körperverletzung sind nachweislich unethisch-unmoralisch. (Es können auch universelle und positive ethisch-moralische Regeln bewiesen werden – das heißt die universelle Gültigkeit von Eigentumsrechten und Gewaltlosigkeit, doch dazu mehr im oben verlinkten Buch) Um diese ziemlich große konzeptionelle Pille zu schlucken, finden Sie hier eine Tabelle, die hilft, Theorien der Physik und Biologie mit wissenschaftlichen Theorien des bevorzugbaren (oder ethisch-moralischen) Verhaltens gleichzusetzen:

Zusammenfassend kann man sagen, dass (a) ethisch-moralische Regeln existieren und (b) ethisch-moralische Theorien ebenso wie Theorien der Physik und Biologie der wissenschaftlichen Methode unterworfen werden müssen. Darüber hinaus ist jede Moraltheorie, die auf nicht universellen oder sich selbst widersprechenden Prinzipien beruht, nachweislich falsch.

Wenn eine freiheitliche Philosophie Erfolg haben soll, müssen wir alle ethisch-moralischen Theorien und Gebote in diesem Licht untersuchen – andernfalls überlassen wir Freiheitsfeinden die ethisch-moralische Wahrheit, was nur unser anhaltendes Scheitern sicherstellen wird.

Ein Kommentar zu „Freiheitliche Moraltheorie

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