Der Missbrauch neutraler Sprache als Politikum

von Cora Stephan (bearbeitet)

Das generische Maskulinum ist für viele Leute ein so großes Problem, weil sie meinen, dass das Genus ( = grammatikalisches Geschlecht) eigentlich dem Sexus ( = natürliches Geschlecht) entspreche, sich das in der männerdominierten (Berufs-) Welt so etabliert habe und nun Frauen (und andere) mit Bezeichnungen, die eigentlich nur Männern galten, wenn überhaupt, bloß mitgemeint würden.

Nun gibt es zwar Klischees, Stereotypen und Althergebrachtes im Denken – wer denkt beim Banker oder beim Mörder schon an eine Frau (vgl. in der Psychologie das „Prototype Model“). Doch das generische Maskulinum ist, anders als das Denken mancher, nicht nur sprachlich unglaublich effizient, sondern auch noch völlig geschlechtsneutral.

Denn: Das generische Maskulinum besteht aus einem sogenannten Verbstamm (z. B. „bäck“ in „Bäcker“) und einem sogenannten Suffix (Nachsilbe) zur Nominalisierung respektive Substantivierung (das „-er“ in „Bäcker“. Andere Suffixe zur Substantivierung sind -heit, -keit oder -ung, die Substantive dann alle grammatikalisch feminin, wie ungerecht). Semantisch ist damit nun lediglich gemeint: Irgendjemand, der das Verb ausführt (Bäcker = jemand, der backt). Wie unsinnig nun die Gleichsetzung von Genus und Sexus ist, belegen die vielen, vielen Fälle, in denen das generische Maskulinum nicht Personen, sondern beispielsweise Dinge bezeichnet, welche die mit dem Verbstamm bezeichnete Tätigkeit ermöglichen: der Schalt-er, der Wagenheb-er, der Büstenhalt-er, der Feg-er.

Das Suffix kennzeichnet also mitnichten ein Sexus, und wo niemand im Speziellen gemeint ist, muss auch niemand im Speziellen mitgemeint werden!

Im Gegensatz dazu betonen die gendergerechten Sprachregelungen erst das Geschlecht, wo es eigentlich nicht nötig wäre und legen so Texten eine plakative Bedeutungsebene unter, die sie mit dem generischen Maskulinum gar nicht bräuchten und die dementsprechend auch den Lesefluss stören: Sie diskriminieren, d. h. im eigentlichen Wortsinne, sie unterscheiden, wo eine Unterscheidung, eine Erwähnung der Geschlechter, vom Verfasser/Sprecher gerade nicht intendiert ist. Wer also nur an Männer denkt, wenn Begriffe wie Banker, Lehrer oder Mörder fallen, ist zwar stereotypischem Denken verfallen, aber das berührt nicht die linguistische Tatsache, dass das Suffix -er alles andere als geschlechtlich markiert, diskriminierend oder misogyn ist – und daher auch von kritischen Geistern, Frauenverstehern, Feministen, Uniangestellten und Sprachliebhabern ohne schlechtes Gewissen verwendet werden darf.

Das Unverständnis, mit dem manche auf die gendergerechte Sprache reagieren, ist insofern auch nachzuvollziehen: Plötzlich wird ihnen etwas vorgeworfen, was ihnen sprachlich und ideologisch völlig fern lag (Misogynie, Rassismus, Sexismus). Und dass eine gendergerechte Sprache genauso wie eine ungegenderte Hass, Herabsetzung und Ausgrenzung ermöglicht, wie allerorten und besonders auf Twitter deutlich zu sehen, berührt das eigentliche Problem: Am generischen Maskulinum jedenfalls liegt es nicht.

Und was ist nun mit dem Partizip Präsens, welches eigentlich einen momentanen Handlungsvollzug anzeigt? Wer keinen Wert auf sprachliche Unterscheidungsmöglichkeiten legt, kann das benutzen, na klar. Aber dann ist es eben den Wortsinn betreffend falsch. Sätze wie die folgenden sind nicht mehr möglich: „Als ich erwartungsfroh den Arbeitsraum betrat, waren da zwar überall Studenten – jedoch nicht ein Studierender. Enttäuscht ging ich nach Hause.“ Oder: „Als Leser bin ich Realist, als Lesender ein Träumer.“ Das sind einfach Unterschiede, für die die Sprache uns Mittel an die Hand gibt, und die wir nun dummerweise und ohne Not beseitigen.

Kommentar verfassen