Mythos Che Guevara – Teil 1

Teil 1: Übersicht

Liebe Schüler und Studenten,

nachdem ihr diese Serie über Ernesto „Che“ Guevara (1928-1967) gelesen haben werdet, denkt ihr unter Umständen anders über eines eurer Idole, dessen weltberühmtes Konterfei nicht nur Plakate, Poster, Fahnen, Bücher und T-Shirts ziert, sondern auch Federmäppchen, Geldbeutel, Anstecker u.v.m. Freilich wird euch nach wie vor freistehen, dem vermeintlich großen Rebellen und Guerillero auch fürderhin zu huldigen. Vielleicht, weil ihr mit der geistigen Verbundenheit zu dem Argentinier eure eigene Individualität unterstreichen möchtet. Die ganze Tragik beginnt bereits hier. Der Argentinier war nämlich der Überzeugung, der Individualismus müsse von der Bildfläche verschwinden. Infolgedessen gründete, trainierte und indoktrinierte er 1959 mithilfe des KGB Kubas Geheimpolizei.

Es ist eine Mammutaufgabe, über dieses sorgfältig behütete, d.h. moralisch unter Schutz stehende Idol des (schier allmächtig gewordenen) politischen Linkstums zu schreiben. Allerdings nur aus dem Grund, da man schier nicht weiß, wo man anfangen soll. Vielleicht so: Als Kubaner unter der Regentschaft Guevaras hätte ich diese Zeilen niemals öffentlich machen können, wurden viele junge Häftlinge doch bereits für solch „konterrevolutionäre Verbrechen“ wie das Hören von Rockmusik brutal bestraft. Wenn gratismutige Promis wie Madonna, die sich für das eigene Cover-Artwork als „Che“ verkleidete oder laut The Guardian „die Schwulenkultur für den Mainstream öffnete“, davon schwärmt, „wofür er stand“, fragt man sich unwillkürlich, ob sie weiß, dass sie mit ihm ein Regime schönredet, das Schwulensex kriminalisierte und überhaupt alles, das irgendwie homosexuell wirkte, bestrafte. Mitte der 60er wurden Tausende von Jugendlichen von Guevaras Geheimpolizei aus Kubas Straßen und Parks gerissen und in Gefangenenlager geworfen. Analog zum Auschwitz-Logo („Arbeit macht frei“) stand zwischen den auf kubanischen Wachtürmen angebrachten Maschinengewehren in fetten Buchstaben über dem Tor:

„Arbeit macht Männer aus euch“.

Vielleicht möchtet ihr durch die Wertschätzung Guevaras vor allem „Flagge zeigen“, da er für „eine gerechte Sache“ einstand. Eine Person, die im November 1962 dem London Daily Worker anvertraut hatte, in einer Auseinandersetzung mit den USA nicht davor zurückzuschrecken, Nuklearraketen „gegen das Herz Amerikas“ einzusetzen, „einschließlich New York City“, da der „Weg der Befreiung“ auch dann gegangen werden müsse, wenn er „Millionen von atomaren Opfern kostet.“ Der „rebel with a very specific cause“ (David Segal, Washington Post), der Kubas Jugendlichen im selben Jahr mitteilte, der bloße „Geist der Rebellion“ sei „verwerflich“, applaudierte nicht nur, als die Sowjets 1956 aufsässige, ungarische Rebellen abschlachteten, mehr noch, er bezeichnete die Arbeiter, Bauern und Studenten, welche sowjetische Panzer in Budapest mit wirkungslosen Waffen und Molotov Cocktails bekämpften, als „Faschisten“. Von daher verwundert es nicht, dass er sich selbst damit rühmte, „Beweise hergestellt zu haben“, um sodann mit Bestimmtheit zu erklären:

„Ich brauche keine Beweise, um einen Mann hinrichten zu lassen – ich brauche nur Beweise, dass es notwendig ist, ihn hinzurichten.“

Damit meinte er, die zu ermordende Person hätte möglicherweise ein Hindernis für seine Stalinisierung Kubas bedeutet. Stalin (1878-1953) selbst sagte: „Der Tod löst alle Probleme. Kein Mann, kein Problem.“ Interessanterweise unterzeichnete Guevara einen Teil seiner früheren Korrespondenz kurzerhand mit „Stalin II.“

„Sicherlich exekutieren wir“, prahlte er, als er sich im Dezember 1964 an die Generalversammlung der Vereinten Nationen wandte. „Und wir werden so lange exekutieren, wie es nötig ist.“

Vielleicht seid ihr auf „Ches“ Seite, da ihr (die mittlerweile unter jedem Grashalm zu verortenden) „Hassreden“ von „Wutbürgern“ und/oder opponierenden Politikern und Ideologen unerträglich findet. Guevaras Botschaft (1966) an die Tricontinental Conference in Havanna/Kuba lautete übrigens:

„Wir müssen unseren Hass am Leben erhalten und ihn zum Paroxysmus bringen.“

Vielleicht gefällt euch der Umstand, im Zeitalter des allgegenwärtigen (Pseudo-)Rassismus in „Che“ Guevara einen waschechten Anti-Rassisten auf eurer Seite zu haben. – Dumm nur, dass er den Schwarzen an sich als „träge und wirklichkeitsfremd“ erachtete, der „seinen mageren Lohn für Frivolitäten und Alkohol ausgibt.“ Guevara schrieb diese Passage in seinen berühmten Motorcycle Diaries – eine Passage, die der Regisseur Walter Salles und sein berühmter Co-Produzent Robert Redford bei der Verfilmung (2004) irgendwie übersehen hatten. Der schwarze Rapper „Jay-Z“ könnte das unter Umständen im Hinterkopf behalten, wenn er das nächste Mal sein lässiges Che-Shirt für eine MTV-Unplugged-Session überstreift und dahin rappt: „I’m like Che Guevara with bling on!“

Vielleicht imponiert euch Guevaras bescheidene und selbstlose Natur. Diese äußerte sich unter anderem darin, dass er nach seinem Einzug in Havanna die wohl luxuriöseste Villa Kubas stahl und bezog, nachdem ihre rechtmäßigen Eigentümer mitsamt Familie vor seinem Exekutionskommando geflohen waren. (Und wieder erinnert die Situation an Auschwitz.) Guevaras Villa verfügte u.a. über einen Yachthafen, einen riesigen Swimmingpool, sieben Badezimmer, eine Sauna, einen Massagesalon und fünf Fernseher. Einer dieser Fernseher war speziell in den „imperialistisch-ausbeuterischen“ USA entworfen worden, hatte einen Bildschirm mit einer Breite von über drei Metern und wurde mit einer Fernbedienung bedient, was im Januar 1959 exotische Technologie bedeutete (erst recht auf Kuba). Es handelte sich um denselben Mann, von dem Philip Bennett, damals Schreiber beim Boston Globe und anschließend geschäftsführender Redakteur der Washington Post, versicherte, „seine komplette Freiheit von Konventionen und materiellen Bestrebungen habe ihm geholfen.“

Vielleicht beeindruckt euch „Che“, der Intellektuelle. „Für Ernesto Guevara begann alles mit Literatur“, schreibt sein Biograph Jon Lee Anderson. Und doch bestand sein erster offizieller Akt nach seiner Einreise nach Havanna – zwischen den Hinrichtungen – in massiven Buchverbrennungen. Auf seinen direkten Befehl wurden mehr als 3000 Bücher aus einer privaten Bibliothek entwendet und in einer belebten Straße Havannas in Brand gesteckt. Etwa zur gleichen Zeit unterzeichnete er Hinrichtungsbefehle für Autoren und ließ sie wie tollwütige Tiere von seiner Geheimpolizei durch die Straßen jagen. Wen (auch) das an etwas Bestimmtes erinnert, sollte nicht vergessen, dass sich Guevara für einen Antifaschisten hielt. Also wie die heutigen. Oder auch Fidel Castro (1926/27-2016), der im Übrigen stets die Macht der Bilder verstand. Seit seiner Schulzeit war er ein begeisterter Anhänger des nationalsozialistischen Prunks. Die offiziellen Farben der Flagge und Armbinden von Castros Bewegung des 26. Juli sind schwarz und rot sowie etwas weiß, also identisch mit Flagge und Armbinden der NSDAP. Zufall? Vielleicht.

Doch zurück zu „Che“. Etwa zur selben Zeit, als er argumentativ-intellektuell um sein initiiertes Bücher-BBQ tanzte, pries der französische Philosoph Jean-Paul Sartre (1905-1980) im Sommer 1960 den überragenden Intellekt des Argentiniers und das Time Magazine druckte ihn zum ersten Mal auf der Titelseite ab.

In dem dazugehörigen, längeren Beitrag attestierte das Blatt Guevara „große Kompetenz und hohe Intelligenz“, wurde er nicht zuletzt doch zum Wirtschaftsminister Kubas befördert – nachdem er offensichtlich ein gewisses Gespür für Zahlen als Kubas Chefhinrichter gezeigt hatte. Die Folge: Innerhalb eines Jahres nach dieser Ernennung rationierte eine Nation, die zuvor ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als Österreich und Japan, einen hohen Zustrom von Einwanderern und den dritthöchsten Proteinverbrauch der Hemisphäre hatte, nicht nur Lebensmittel, sondern schloss Fabriken und verlor Hunderttausende seiner produktivsten Bürger aus allen Bereichen ihrer Gesellschaft. Wie für einen überzeugten Sozialisten üblich, reagierte Guevara klassisch auf die „unerwartete“ Wirtschaftskrise: Er eröffnete ein Zwangsarbeitslager („Lager für Besserungsarbeit“) in Guanahacabibes – die kubanische Version Sibiriens, allerdings mit brütender Hitze statt Kälte – und füllte es mit vorgehaltenem Bajonett und Maschinengewehr randvoll mit widerspenstigen, kubanischen Arbeitern. Es war nur das erste von mehreren hundert Lagern dieser Art. Zum Glück war er Antifaschist.

Die von Guevara ausgelöste Wirtschaftskrise zwang die Sowjets, das Äquivalent von acht Marshall-Plänen nach Kuba zu pumpen. Der ursprüngliche 9-Milliarden-Dollar-Marshall-Plan, den die USA auf einen von 300 Millionen Menschen bewohnten und vom Krieg zerstörten Kontinent angewendet hatten (der jedoch, nebenbei bemerkt, nicht der ausschlaggebende Grund für Europas Wiederaufbau gewesen war), trug zu einem raschen wirtschaftlichen Aufschwung in Europa bei. Doch all dieser Reichtum, den die Sowjets in eine Nation von 6,4 Millionen Einwohnern investierten – deren Bürger früher mehr verdienten als Menschen in Taiwan, Japan und Spanien –, führte zu einem Lebensstandard, der selbst die verarmten Haitianer mehr als vierzig Jahre später zurücktrieb.

Vielleicht bewundert ihr aber auch einfach nur den brillanten Militärstrategen „Che“ Guevara. Wie noch ausführlich beschrieben werden wird, erreichte Guevara seinen „Sieg der Rebellen“ in Santa Clara, wodurch er maßgeblich seinen ewigen Ruhm erlangte, auf dieselbe Weise wie alle anderen Siege, für die er „kämpfte“, nämlich durch Bestechung von Kommandeuren Batistas (1901-1973). Insgesamt wurden auf beiden Seiten nicht mehr als fünf Opfer beklagt. Guevara verbrachte die drei Tage während der Invasion der Schweinebucht übrigens dreihundert Meilen vom Schlachtfeld entfernt, war sich aber sicher, dass es sich um eine waschechte Invasion handelte.

Als er vier Jahre später im Kongo eine Militärkampagne gegen Crack-Söldner plante, die von einem Berufssoldaten befohlen wurde, welcher unter anderem daran beteiligt gewesen war, den „Wüstenfuchs“ Erwin Rommel (1891-1944) in Nordafrika zu besiegen, verbündete sich der geniale Stratege und Autor von Guerillakampf und Befreiungsbewegung souverän mit „Soldaten“, die Hühnerfedern als Helme benutzten und im Freien offen feindlichen Flugzeugen zuwinkten, da ihnen ein muganga (Hexendoktor) versichert hatte, dass das „magische Wasser“, das er über sie goss, Kugeln des Kalibers .50 problemlos von ihren Körpern abprallen lassen würde. Knapp sechs Monate später war Guevara aus Afrika geflohen, hatte nur knapp sein Leben gerettet und hinterließ eine militärische Katastrophe.

Zwei Jahre später machte der große Guerillaführer in Bolivien Fehler wie aus dem Lehrbuch (für Guerillaführer), als er seine Streitkräfte teilte und beide Einheiten hoffnungslos verloren gehen ließ. Sie torkelten ein halbes Jahr lang halb verhungert, halb bekleidet, halb beschuht und ohne Kontakt zueinander umher, bevor sie schließlich eliminiert wurden. Guevaras Streitkräfte hatten noch nicht einmal Walkie-Talkies aus dem Zweiten Weltkrieg, mit denen sie hätten kommunizieren können, und waren darüber hinaus anscheinend auch nicht in der Lage, einen Kompass zu lesen. Die meiste Zeit liefen sie im Kreis, oftmals im Radius von einer Meile.  

Letztlich sah sich jenes strategische Genie exakt einen Tag vor seinem Tod in Bolivien – zum ersten Mal in seinem Leben – etwas gegenüber, das richtigerweise als Kampf bezeichnet werden konnte. Er befahl seinen Guerilleros, kein Pardon zu geben, bis zu ihrem letzten Atemzug und bis zur letzten Kugel zu kämpfen. Ein paar Stunden später, als seine Männer genau das taten, schlich sich ein leicht verwundeter „Che“ aus dem Feuergefecht heraus und ergab sich mit beinahe vollem Magazin in seinem Gewehr, während er seinen Feinden entgegen wimmerte:

„Schießt nicht! Ich bin Che, ich bin lebend mehr wert als tot!“ 

Wie gesagt, es steht euch frei, das personifizierte Aushängeschild des vermeintlich rebellischen Linkstums auch nach dieser Serie stolz in die Höhe zu halten, trotz aller Implikationen. Meine Hoffnung besteht allerdings darin, dass ihr im Anschluss an diese Serie anders über „Che“ denkt. In diesem Falle würde es uns ähnlich gehen. Der Umstand, dass sich ein stalinistischer Argentinier im Schul-, mehr noch aber im Hochschulbetrieb posthum idolhafter Verehrung erfreut, sollte an sich etwas über die Ideologisierung innerhalb eines Landes aussagen. Auch in meiner Studentenbude prangte einst das Konterfei des „Revolutionärs“. Dabei wusste ich nur das, was ich über ihn wissen wollte. Mit großer Wahrscheinlichkeit geht es euch ähnlich. Doch die Wahrheit schlug sich ihren Weg in mein Hirn – dasjenige Organ übrigens, welches erst nach etwa 25 Jahren zur vollständigen „Reife“ gelangt. Dies erklärt zu einem nicht unbeträchtlichen Teil, warum vor allem junge Menschen (Schüler/Studenten) anfällig für unausgereifte, vor allem jedoch destruktive, d.h. brandgefährliche Ideologien sind. Zugegeben, es ist insofern schwieriger, die Wahrheit über Guevara in Erfahrung zu bringen, da sie einem staatlichen Schul- und Hochschulbetrieb nicht mitgeteilt wird. Jedenfalls nicht vollständig.

(Teil 2: Der Terrorist)

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Verwendete Literatur:

  • Anderson, Jon Lee: Che Guevara. A Revolutionary Life. New York 1997.
  • Fontova, Humberto: Exposing the real Che Guevara and the useful idiots who idolize him. New York 2007.
  • Guevara, Ernesto Che: The Motorcycle Diaries. Notes on a Latin American Journey. North Melbourne 2003.
  • Harris, Richard Legé: Che Guevara. A Biography. Santa Barbara/Denver/Oxford 2011.
  • Ortega, Luis: Yo Soy El Che! Monroy Padilla 1970.

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