Über kognitive Dissonanz und Sicherheit

„Manchmal wollen die Menschen die Wahrheit nicht hören denn das würde ihre ganze Illusion zerstören.“ (Friedrich Nietzsche)

von Tatjana Festerling
Foto: BeckerBredel

Mir geht die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) einfach nicht aus dem Kopf. Vor allem die selbstgefällige Dreistigkeit, mit der Seehofer bei der Vorstellung der Statistik Wahrnehmungsverzerrung betreibt, war schon 2018 unerträglich. [Und zwar darum.]

Schon lange wollte ich mal was über „kognitive Dissonanz” schreiben, wie das Framing wird sie von Politik und Medien nämlich gezielt zur Manipulation der Menschen eingesetzt. Sie gehört zu diesen berühmten Psycho-Nudging-Techniken, mit denen das Merkel-Regime arbeitet. Als Beispiel drängt sich Seehofers PKS-Show geradezu auf.

Die Methode funktioniert so:

Willst du als Politiker die Menschen „managen”, abstumpfen und zur Lüge verführen, dann bringe sie in den Zustand der kognitiven Dissonanz. Das ist für jeden ein sehr unangenehmer, sehr stressiger Zustand, eine emotionale Konfliktsituation, aus der man schnell wieder heraus will. Der innere Konflikt entsteht, weil mehrere widersprüchliche Wahrnehmungen, Informationen, Grundüberzeugungen, Annahmen oder „Kognitionen” im Bewusstsein aufeinander prallen und eine gedankliche Inkonsistenz, eine Unvereinbarkeit bilden.

Die dadurch entstehende innere Spannung ist so unangenehm, dass sie nach Auflösung oder zumindest nach Linderung verlangt. Und genau da beginnt der von den Psycho-Nudgern kalkulierte Selbstbetrug: Der Mensch fängt an zu relativieren, zu bagatellisieren, zu trivialisieren und sich selber zu korrumpieren, sich zu belügen.

Es ist die Sehnsucht nach Harmonie, nach Einklang, die den Menschen treibt. Um die kognitive Dissonanz loszuwerden, ist er bereit, die „schwächere” und damit einfacher umzudeutende Wahrnehmung zu Gunsten der „stärkeren” Eindrücke, der mit Wucht oder Aggression vorgebrachten „Wahrheit” preiszugeben. Alles bloß, damit die unangenehmen Dissonanzen, die Konflikte verschwinden. Oft werden anschließend der „stärkeren” Wahrnehmung sogar noch weitere, eigene positive, bestärkende „Argumente” hinzugefügt, um die Sache noch sicherer zu machen und die eigene, korrumpierte „Entscheidung” besser rechtfertigen zu können.

Gelingt das nicht, weil die „schwächere” Position auf eigenen, erlebten Erfahrungen basiert, auf Handlungen, die sich auch im Nachhinein nicht mehr relativieren oder umdeuten lassen, dann wird alles geleugnet, ignoriert und verdrängt, was die bestehenden Überzeugungen in Konflikt bringen könnte.

Im Fall des nach außen als super sicher verkauften Deutschlands durch die Werte der PKS, klafft denn auch zwischen der eigenen Wahrnehmung über die Sicherheit im öffentlichen Raum und dem, was Seehofer an Sicherheit in Deutschland verkündet, ein riesen Abstand. Die schwächere Wahrnehmung ist in diesem Fall natürlich das eigene, subjektiv mangelnde Sicherheitsempfinden, welches die Mehrheit der Deutschen nur zu gern wegrelativiert und geradezu dankbar bagatellisiert, wenn Seehofer voller Überzeugung von sinkender Kriminalität und etwas vom „sichersten Deutschland” schwadroniert.

Seehofer liefert damit eine Art gedanklicher Flucht, die PKS legitimiert sozusagen die Verdrängung: „Na, wenn der das sagt, der wird schon nicht lügen.” „Komisch, wie man sich irren kann! Aber naja, ist ja bloß mein subjektives Empfinden, die Zahlen, Daten, Fakten werden schon stimmen.” „Die Tagesschau hat das doch auch gebracht, die werden sowas doch prüfen, bevor die das senden!”

Natürlich muss man, um in der heutigen, reizüberfluteten Zeit überhaupt noch eine „starke” kognitive Dissonanz mit einer „starken” Wahrheit auslösen zu können, schon ordentlich was auffahren. Daher äußert sich ja auch der Herr Bundesinnenminister persönlich, in einer offiziellen Pressekonferenz und übertreibt ordentlich mit den Vergleichen bzw. den Referenzwerten. Gleichzeitig liefert er auch schon gleich die passenden „Argumente” für die anstehenden Relativierungen mit.

2018 war das zum Beispiel die Tatsache, dass die Erfassungsparameter verändert wurden und man ja jetzt überhaupt erst die echte, die wahre, die einzig richtige Methode angewendet habe.

Da der Staat alle Macht- und Gewaltmittel in den Händen hält und sie hemmungslos gegen seine Untertanen und vor allem gegen diejenigen einsetzt, die es wagen, ihn öffentlich zu kritisieren, steckt der einfache Bürger in der Falle. Der innere Widerstand wird ihn auf Dauer zermürben und krank machen – es ist also nur eine Frage der Zeit und eine Frage des persönlichen Energie-Managements, bis er sich irgendwann der offiziellen Version unterwirft und zum angepassten Mitläufer wird.

Und genau so haben das die Nazis gemacht. Es ist die „Psychologie der Massen” , die damals wie heute sehr geschickt genutzt wird.

Das wird solange weitergehen, bis der Schmerz der geknechteten und ausgepressten Bürger größer ist, als ihre Angst vor Veränderung. Sollte es dann noch sowas wie die kritische Masse geben, könnte es zum erlösenden, reinigenden Effekt, zum kathartischen Aggressionsausbruch kommen. Doch da die Deutschen vermutlich Weltmeister im Leiden und Aushalten sind, befinden wir uns im Wettlauf gegen die Zeit. Ich fürchte, unser röchelndes Pferdchen wird beim Endspurt auf der Zielgraden zusammenbrechen.

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(Rund ums Thema „Kriminalität in Deutschland“ siehe Download & Clips)


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