Buchrezension: Javier Marías – Mein Herz so weiß: Von geschmeidigen Schlangen und einer trampelnden Horde

Bis heute ist mir die Folge des Literarischen Quartetts im Gedächtnis, in der „Mein Herz so weiß“ von Javier Marías einhellig als Meisterwerk gepriesen wurde. Das sollte schon etwas heißen, kennzeichnete sich das Quartett doch vor allem durch die häufig hitzig geführten, dabei aber (für mich heute) stets interessanten und anspruchsvollen Streitgespräche bzgl. Buch X oder Y. (Dem Vierten im Bunde fiel dabei mehr oder weniger lediglich die Rolle eines stummen Statisten zu.) Mit meinen dreizehn Jahren saß ich damals neben meinem Vater auf dem Sofa und kam zum ersten Mal bewusst mit Marcel Reich-Ranickis unterhaltsamer und überwiegend stilvoller Rhetorik in Berührung.

Einige Tage später lag das Buch auf dem Nachttisch meines Vaters. Viele, viele Jahre zogen seither ins Lande, als ich kürzlich die Folge von damals – Internet sei Dank – erneut sehen konnte. Wieder war ich sehr angetan ob des abwechslungsreichen Gesprächs, in dem sogar der Gast den Mund aufbekam und viel Konstruktives beitrug.

Nun wollte ich es wissen und kaufte das von allen Seiten über den Klee gelobte Buch, welches allem Anschein nach ein Monumentalwerk der Epik sein musste. Liebe, Tod, Leidenschaft, Ehebruch, Verrat. Das klang vielversprechend. Und in der Tat: Das Buch beginnt absolut großartig, um nicht zu sagen überragend. Was ist da los? Hochspannung von der ersten Zeile an? „Sollte dieses Niveau gehalten werden, muss ich in den Chor der Quartett-Riege einstimmen“, dachte ich mir. Leider ist dem nach meinem Dafürhalten jedoch leider (!) nicht so. Der Roman flacht nach den ersten 20 bis 30 Seiten enorm ab, er driftet ins inhaltliche Nirwana davon, verliert sich in schier tausenden von stilistisch ungemein umständlichen und belanglosen Nebengedanken. Dahin ist das Knistern des grandiosen Beginns. Den viel zu langen Mittelteil empfand ich persönlich als Qual, bis endlich, endlich die Auflösung erfolgen sollte.

Und nein, ich habe nicht das Geringste gegen lange Sätze. Im Gegenteil: Ich liebe die Vielfalt und das kreative Potenzial, das durch die deutsche Sprache hervor gekitzelt werden kann. Vielleicht mag es an einer missglückten Übersetzung aus dem Spanischen liegen, vielleicht klingt der Roman im Original ästhetisch. In seiner deutschen Version ist dem nur hin und wieder so.

„Der Held des Romans ist die Sprache“, meinte Marcel Reich-Ranicki.

Um Himmels willen. Ich hege allergrößten Respekt vor Herrn Reich-Ranickis Schaffen und teil(t)e sehr oft seine Einschätzungen, aber hier lag er meiner Meinung nach völlig daneben. Lange Sätze können sich in der Tat geschmeidig, stilvoll, ja, voll schillernder Pracht gebärden, die trotz ihrer Länge dem Leseschmaus nicht den winzigsten Abbruch bereiten, so beispielsweise, um spontan zwei herausragende Beispiele zu nennen, bei Thomas Mann oder Stefan Zweig. Aber Marías? Beim besten Willen nicht. Verkörpern Mann oder Zweig stilistische Königskobras, die trotz enormer Biegsamkeit elegant und anmutig durchs Gras gleiten, so gleicht Marías Syntax eher einer sperrig durchs Getreide und die Saat trampelnden Horde „wernerbeinhart’scher“ Prägung.

Wie dem auch sei. Zeit für einen Allgemeinplatz: Literatur wird stets den Nerv der einen treffen, den der anderen verfehlen. Ich freue mich, dass Marías ganz offensichtlich viele Leser sowohl inhaltlich als auch sprachlich berühren, ja, überzeugen konnte und kann. Ich falle in diesem Fall nicht darunter.

Als ich meinen Vater nach rund 22 Jahren fragte, ob er sich das Buch damals ebenso aus Neugierde und Begeisterung zugelegt hatte, meinte er übrigens:

„Ja, in der Tat. Der Begeisterung folgte während des Lesens jedoch sehr schnell die Ernüchterung.“

Ob sich Geschmäcker vererben können?

(2/5)

(Anmerkung: Diese Rezension wurde in dieser Form auf Amazon nicht genehmigt, da sie angeblich gegen entsprechende Richtlinien verstoße. Das ist interessant. Wenn ich daran denke, welch unsägliche Obszönitäten, Vulgärsprache oder Werbung für andere Produkte sich stellenweise in Rezensionen befinden. Nichts davon ist in obiger Besprechung enthalten. Vergleiche sind laut Richtlinien erlaubt. Wieso auch sollte man ein Produkt nicht an anderen messen dürfen? Ebenso finden sich keinerlei Feedback zum Verkäufer oder irgendwelche Liefererfahrungen in der Besprechung, wie in unzähligen anderen Kundenbewertungen. Erst nach zweimaligen Umschreiben wurde die Rezension schließlich freigeschaltet. Die verkrüppelte Version finden Sie hier.)

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