Buchrezension: Max Frisch – Biedermann und die Brandstifter: In der Tat ein Lehrstück ohne Lehre…

…jedenfalls keine, die sich die Mehrheit indoktrinierter Bürger zu Herzen nehmen würde, wie die objektive Realität beweist. Ein passender Untertitel hätte einst auch „Ein Lehrstück, auf deren Lehre flächendeckend gepfiffen werden wird” lauten können.

Der Haupttitel des frisch’schen Klassikers „Biedermann und die Brandstifter” hingegen könnte mittlerweile auch „Schlafmichelschaft anno 2017” heißen. Die Prophezeiungen, Antworten, Analysen und Ratschläge hinsichtlich Katastrophen unterschiedlicher Art liegen seit jeher in literarischer Form – und für jedermann zugänglich – vor uns. Völlig egal, ob Philosophie, Ökonomie oder Gesellschaft. Sie werden nur weitestgehend ignoriert. Die Folge: Katastrophen unterschiedlicher Art.

Der Klappentext bringt das Dilemma auf den Punkt:

„Max Frischs Stück ‚Biedermann und die Brandstifter‘ ist die Geschichte des Bürgers Gottlieb Biedermann, der die Brandstifter in sein Haus einlädt, um von ihnen – verzweifelte Hoffnung opportunistischer Gutmütigkeit und Einfalt – verschont zu werden. Das Stück entlarvt präzise eine Geisteshaltung, die der Technik des Totalitären zum Erfolg verhilft. ‚Biedermann und die Brandstifter‘ – eine politische Parabel, die ihre kritische Kraft nicht aus der Entlarvung der Lüge und der Manipulation bezieht, sondern aus der Inszenierung der biedermännischen Wehrlosigkeit gegenüber Verbrechern, die sich überhaupt nicht tarnen, die vielmehr [– woran erinnert das? –] von Anfang an sagen, was sie wirklich wollen.”

Angesichts der aktuellen Entwicklungen in weiten Teilen Westeuropas kriegt man schier eine Gänsehaut.

Aus Szene 3:

Biedermann (zum warnenden Chor, der aus Erfahrung die Katastrophe vorhersagt):

„…kurz und gut, meine Herren, ich habe es satt, ihr mit euren Brandstiftern! Ich geh an keinen Stammtisch mehr, so satt hab ich’s. Kann man eigentlich nichts anderes mehr reden heutzutag? Schließlich lebe ich nur einmal. Wenn wir jeden Menschen, ausgenommen uns selbst, für einen Brandstifter halten, wie soll es jemals besser werden? Ein bisschen Vertrauen, Herrgottnochmal, muss man schon haben, ein bisschen guten Willen. Finde ich. Nicht immer nur das Böse sehen. Herrgottnochmal! Nicht jeder Mensch ist ein Brandstifter. Finde ich! Ein bisschen Vertrauen, ein bisschen…

Pause

Ich kann nicht Angst haben die ganze Zeit! (…)”

Noch Fragen?

(5/5)

(Diese Rezension erschien zunächst hier.)

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