Buchrezension: Ayn Rand – Philosophie. Wer braucht das schon? – Ein analytisch-logisches Juwel

Dank Philipp Dammer liegt dieses großartige Buch von Ayn Rand nun auch in deutscher Sprache vor. Es handelt sich dabei um eine wahre Fundgrube kostbarer und schrittweise aufeinander aufgebauter Gedankengänge, die wiederum, wie bereits in der Produktbeschreibung dargelegt, ein weites Themenspektrum abdecken.

Ayn Rand ist mit Abstand eine der scharfsinnigsten Analytikerinnen des 20. Jahrhunderts. Bestechend logisch erklärt sie in dieser Essaysammlung ihre Philosophie des Objektivismus: Dabei (oder gerade deshalb) verliert sie nie den Blick für die Realität aus den Augen und bringt treffliche Beispiele, wie sich falsche (da in sich widersprüchliche) Philosophien bzw. Denkansätze konkret im Alltag manifestieren. Zwar schießt sie in ihrer (berechtigten) Kritik an Immanuel Kant meines Erachtens ab und an etwas übers Ziel hinaus und missinterpretiert ihn hinsichtlich einiger Denkansätze (leider konnte er nicht mehr darauf antworten), die philosophische Misere vom „Primat des Bewusstseins“ sowie die sich dadurch ergebenden und letztlich katastrophalen Konsequenzen (Politik, Alltag, Selbstvertrauen usw.) legt sie allerdings messerscharf dar. Inwiefern Philosophie uns alle betrifft, ob wir uns dessen nun bewusst sind oder nicht? Lesen Sie das Buch! Inwiefern es – wie die objektive Realität beweist – verheerende Auswirkungen hat, sofern Menschen nicht zwischen dem metaphysisch Gegebenen und dem vom Menschen Gemachten unterscheiden können? Lesen Sie das Buch!

„(…) Das Primat des Seins (der Realität) besteht aus dem Axiom, dass Existenz existiert, d.h. dass das Universum unabhängig von Bewusstsein existiert (von irgendeinem Bewusstsein), dass Dinge sind, was sie sind und dass sie eine spezifische Natur, eine Identität besitzen. Die erkenntnistheoretische Folge besteht aus dem Axiom, dass Bewusstsein die Fähigkeit ist, das Seiende wahrzunehmen – und dass der Mensch Wissen über die Realität erlangt, indem er nach außen schaut. Die Ablehnung dieser Axiome ist das Gegenteil: Das Primat des Bewusstseins – die Idee, dass das Universum keine unabhängige Existenz besitzt, dass es das Produkt eines Bewusstseins ist (entweder eines göttlichen oder menschlichen oder beides). Die erkenntnistheoretische Folge ist die Idee, dass der Mensch Wissen über die Realität erlangt, indem er nach innen schaut (entweder in sein eigenes Bewusstsein oder auf die Offenbarungen, die es von einem anderen, überlegenen Bewusstsein empfängt.) Der Ursprung dieser Verdrehung ist die Unfähigkeit oder der Unwillen, den Unterschied zwischen dem eigenen inneren Zustand und der äußeren Welt, d.h. zwischen Betrachter und Betrachtetem voll zu begreifen (…).” (aus dem Kapitel „Das Metaphysische und das vom Menschen Gemachte“)

Haben Sie sich eigentlich je gefragt, warum Ayn Rand im deutschen „Intellektuellen-Milieu“ und insbesondere unter (vorgeblich für Frauen einstehenden) Feministinnen tendenziell entweder ignoriert oder dämonisiert wurde und wird? Die Antwort darauf steht in meinem Buch. Nur so viel: Ayn Rand war Individualistin, Atheistin, Anti-Kollektivistin (und damit Anti-Sozialistin) und Befürworterin eines Laissez-faire-Kapitalismus. Nicht selten wurde sie auch als vermeintlich „kalt“ hingestellt, nur weil sie sich (zurecht) nicht auf die Prämisse „Alle Denkweisen und Überzeugungen sind gleichwertig“ einließ, sondern Widersprüche bzw. Unlogik offen bloßlegte:

„(…) Eine Rationalisierung ist ein Versteckspiel, ein Prozess, die eigenen Emotionen mit einer falschen Identität auszustatten, ihnen Pseudo-Erklärungen und Rechtfertigungen zu geben – um die eigenen Motive nicht vor anderen, sondern primär vor sich selbst zu verstecken. Der Preis einer Rationalisierung ist die Behinderung, das Verzerren und letztendlich die Zerstörung des eigenen Verstandes. Rationalisierung ist kein Prozess der Wahrnehmung der Realität, sondern der Versuch, die Realität den eigenen Emotionen anzupassen. (…) ‚Niemand kann sich sicher sein‘ ist eine Rationalisierung für ein Gefühl von Neid und Hass auf die, die sich sicher SIND. ‚Das mag für dich wahr sein, ist aber nicht wahr für mich‘ ist eine Rationalisierung für die Unfähigkeit und den Unwillen, die Stichhaltigkeit der eigenen Behauptungen zu beweisen. ‚Niemand ist perfekt in dieser Welt‘ ist eine Rationalisierung für das Verlangen, sich weiter an der eigenen Unvollkommenheit zu ergötzen, d.h. für das Verlangen, der Moral zu entkommen. ‚Niemand kann etwas dafür, was er tut‘ ist eine Rationalisierung für die Flucht vor moralischer Verantwortung. ‚Es mag gestern gestimmt haben, stimmt aber nicht heute‘ ist eine Rationalisierung für das Verlangen, mit Widersprüchen durchkommen zu wollen. ‚Logik hat nichts mit der Realität zu tun‘ ist eine billige Rationalisierung für den Wunsch, die Realität den eigenen Launen unterzuordnen. ‚Ich kann es nicht beweisen, ich FÜHLE aber, dass es wahr ist‘ ist mehr als eine Rationalisierung: Es ist eine Beschreibung für den Prozess der Rationalisierung. Menschen akzeptieren eine Parole nicht durch einen Denkprozess, sie greifen auf eine Parole – IRGENDEINE Parole – zurück, weil sie ihren Emotionen entspricht. Solche Menschen beurteilen die Wahrheit einer Aussage nicht anhand der Übereinstimmung mit der Realität – sie beurteilen die Realität anhand ihrer Übereinstimmung mit den eigenen Gefühlen.“ (aus dem Kapitel „Philosophische Detektivarbeit“)

Angesichts solcher und vieler anderer Geschosse ist es natürlich mehr als verständlich, dass sich insbesondere sog. Gutmenschen, „social justice warriors“ und – wie ich sie bezeichne – Neomoralisten von ihr distanzier(t)en und kurzerhand als „egoistische, kaltherzige Kapitalistin“ ad acta leg(t)en, ohne sich eingehend mit ihr zu beschäftigen – schließlich könnte dies am Ende ja bedeuten, dass die eigene und bis dato völlig falsche Philosophie auseinander genommen wird. Dann lieber in den unreflektierten Einheitsbrei des Ad-Hominem-Gesindels mit einstimmen.

Dabei wäre/ist Ayn Rand angesichts eines aktuell einmal mehr komplett aus dem Ruder laufenden Staatsirrsinns nach wie vor brandaktuell. Ich schließe mit zwei wunderbaren Passagen dieses Buches, entnommen dem Kapitel „Die Etablierung eines Establishments“ von 1972:

„(…) Die Profiteure von staatlichen Zuwendungen sind üblicherweise unter den lautesten Protestlern gegen ‚die Tyrannei des Geldes‘: Wissenschaft und Kultur, so schreien sie, müssten von der willkürlichen privaten Macht der Reichen befreit werden. Aber es gibt einen Unterschied: Die Reichen können weder eine gesamte Nation kaufen noch ein einziges Individuum ZWINGEN. Wenn ein reicher Mann kulturelle Aktivitäten unterstützt, kann er das nur ins sehr begrenztem Umfang tun, und er trägt die Konsequenzen seiner Handlungen. (…)“
„(…) Sehen Sie sich den Charakter unseres intellektuellen Establishments an. Es hinkt seiner Zeit ungefähr 100 Jahre hinterher. Seine Dogmen sind die Grundsätze, die zur Jahrhundertwende ‚in‘ waren: Der Mystizismus von Kant, der Kollektivismus von Marx und der Altruismus von Straßenpredigern. Zwei Weltkriege, drei monströse Diktaturen – Sowjetrussland, Nazi-Deutschland und Rotchina – und jede andere Variante entsetzlicher sozialistischer Experimente in einer globalen Ausweitung von Brutalität und Verzweiflung haben die modernen Intellektuellen nicht dazu gebracht, ihre Dogmen zu hinterfragen oder zu verändern [im Übrigen bis heute nicht, siehe Projekt „EUdSSR“ – Anmerkung des Rezensenten]. Sie denken immer noch [sic!], dass es wagemutig, idealistisch und unkonventionell ist, die Reichen anzuprangern. Sie glauben immer noch, dass Geld die Wurzel allen Übels ist – außer Steuergeld, was die Lösung aller Probleme ist. Das intellektuelle Establishment ist auf der Stufe dieser alltäglichen ‚Anführer‘ eingefroren, die schon da waren, als das System der staatlichen Förderung anfing. Indem sie die Schulen kontrollierten, zementierten sie ihr Dogma und brachten die Opposition langsam zum Schweigen. (…)“

(5/5)

(Diese Rezension erschien zunächst hier.)

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