Deutsche Politik als Negativ-Lehrstück in China

So treffend lautete ein jüngst von Marcel Zhu verfasster Artikel, in dem sich der Autor die Mühe machte, einen kürzlich in der „diesjährigen 10. Ausgabe des Parteimagazins Hongqi Wengao (Manuskript der Roten Fahne) erschien[en] Artikel mit der Überschrift Die europäische Flüchtlingskrise entblößt die Nachteile des westlichen politischen Systems zu sezieren.

Unter anderem stellt Zhu die Frage:

„Werden die derzeitigen Regierenden der Bundesrepublik überhaupt von den Machthabern in China ernst genommen?“

Die Antwort: Nein.

Um irgendwelches Politgeschmeiß soll es hier aber nicht gehen. Viel spannender ist für mich der Umstand, dass sich unter „normalen Chinesen“ eine sukzessive Denkwende hinsichtlich des bis vor einigen Jahren – in deren Augen – noch strahlenden Vorzeige-Deutschlands vollzieht.

Zhu:

„Noch vor wenigen Jahren galt Deutschland beim Großteil der chinesischen Intelligenz als ein Vorbild. Heute rätselt ein wachsender Teil der Eliten in China über eine bemerkenswerte Naivität und Weltfremdheit, die sie in Deutschland als an den Tag gelegt sehen.“

Erst kürzlich schrieb ich an anderer Stelle, dass unter Chinesen schleichend ein Umdenken stattfindet, und zwar vom „Deutschland? Hui, was die alles können!”, hin zu „Deutschland? Pfui, Verrückte, die den Verstand verloren haben!” Wie gesagt: Schleichend. 2013 wurde ich als Deutscher von fremden Chinesen beispielsweise noch überwiegend auf Autos, Medizin, Technik usw. angesprochen. All diese Komponenten bestehen zwar noch, jedoch treten zunehmend Kommentare im Stile von „Was zum Geier macht ihr denn nur?” zutage, sowie ich als Deutscher identifiziert werde.

Ein ebenfalls in China lebender Bekannter ergänzt:

„Kann ich bestätigen. Ich hab 2013 meiner damaligen Freundin (und heutigen Frau) erklärt, dass ich einen Bürgerkrieg in Deutschland/Mitteleuropa fürchte. Damals wurde ich für völlig verrückt erklärt, heute werden meine ‚prophetischen‘ Gaben gelobt. Ihre Freunde konnten 2014 nicht verstehen, weshalb wir nicht nach Deutschland gehen, sondern in China bleiben – heute versteht es jeder.“

Freilich decken sich obige Einschätzungen nach meinen Erfahrungen mit denen vieler anderer Fernostasiaten, so insbesondere Japaner, Südkoreaner und Vietnamesen. Zudem bleibt es nicht dabei. Auch in Australien, Neuseeland, den USA, ja, selbst in der Karibik wird man als Deutscher mittlerweile von gleichsam interessierten wie skeptischen Bar- und Restaurantbesitzern auf die katastrophalen, d.h. hochaggressiven, kulturzersetzenden Entwicklungen in Mitteleuropa angesprochen. Im Dialog mit jungen Männern und Frauen, sowohl von den Bahamas, aus Jamaika oder Curacao (alle im Alter zwischen 20 und 30), bemerkte ich deren Entsetzen darüber, dass das, was sie ein Leben lang als eine Art friedlichen Paradieses (Mitteleuropa) verstanden hatten, sukzessive in eine „gewalttätige, blutverschmierte Müllhalde“ transformiert werde.

Und was tut Michel? Entweder schläft er weiter tief und fest oder aber er hält trotz des Umstandes, ein weiteres Mal den vernunftamputierten, globalen Geisterfahrer zu verkörpern, am aufgezwungenen, pseudovielfältigen Buntheitswahn fest. Die Diskrepanz, bestehend aus dem Aberglauben einerseits, die Welt möge doch bitte einmal mehr am deutschen Wesen genesen, indem sie dieses Mal gratismuttrunkenen Hashtaghumanisten in ihrem destruktiven Migrationsirrsinn zujubeln sollte, sowie der nüchternen Realität andererseits, wonach besagte Welt die rückgratlose und grundlose Selbstdemütigung eines einstmals und insbesondere in China respektierten Deutschlands verfolgt, könnte kaum größer sein.

Es ist wie mit einer erhabenen Eiche, die Jahrhunderte des Kampfes und der Opfer benötigte, um in voller Pracht zu strahlen, aber nur kurze Zeit, um sinnlos gefällt zu werden, um das sprichwörtliche Kleinholz aus ihr zu machen.Wer hätte je gedacht, dass einst eine interessante Analyse der Situation Deutschlands und des Westens in einer Zeitschrift der Kommunistischen Partei Chinas (!) erscheinen würde, die beinahe aus der Feder von Janusz Korwin-Mikke oder Lew Rockwell stammen könnte? Oder anders: Chinesische Kommunisten überholen Deutschland „rechts“.

Hier einige Kernpunkte:

• Kritik an der Politik der offenen Grenzen und der deutschen Flüchtlingspolitik, Forderung nach Flüchtlingslagern in Syrien und einem Erhalt der ethnischen Homogenität in den europäischen Ländern

• Gegnerschaft zu unüberlegten Interventionen und Regime-Change-Abenteuern des Westens

• Kritik an gesellschaftlichem Liberalismus und Sozialstaat

• Stattdessen Forderung eines Wirtschaftsliberalismus kombiniert mit einem autoritären Staat

• Demokratiekritik. Der westlichen Demokratie wird vorgeworfen, sie führe eine Negativauslese der Eliten herbei

• Kritik an der politischen Korrektheit

• Zu wenig weiße Nachkommen

Freilich ist es ein chinesisches Wesensmerkmal, sich nicht in innenpolitische Belange fremder Länder einzumischen und diesen regelmäßig mit der Moralkeule „eins überzuziehen“ (wofür Deutsche umgekehrt nicht unbedingt bekannt sind, um es vorsichtig auszudrücken). Ich stimme mitnichten mit allem überein, was geschrieben steht (insbesondere bedarf es zum Ziele einer kooperativen sowie friedlichen Gesellschaft keines aufgezwungenen Zwangsstaates, ganz im Gegenteil), dennoch sind vor allem drei Dinge interessant: Erstens die Tatsache, dass dort, wo sich Chinesen langsam, aber stetig von Gängelung und überholten (kommunistischen) Ansichten befreien (v.a. sei hier die Jugend genannt), umgekehrt Deutsche diese immer stärker vorantreiben. Deutlich wird das im Jahre 2017 dann, wenn sich – zweitens – ein Magazin der KP Chinas gradezu „national-libertär“ äußert und dadurch – drittens – einen kleinen Einblick gewährt, inwiefern Deutschland im Fernen Osten zunehmend wahrgenommen wird.

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