Über tödliche Menthol-Zigaretten oder: Neue bunte Abende im bunten Nürnberg

Im Herzen Frankens liegt der wohl schönste Biergarten Deutschlands, gleichzeitig der älteste Nürnbergs. Im Schatten alt-ehrwürdiger Bäume schmeckt die frisch gezapfte Kellermaß fantastisch.

Unter den Anwesenden: Ein in den USA lebender Exil-Deutscher mit seiner irisch-italienisch-amerikanischen Frau, ein in der Schweiz lebender Exil-Deutscher und ich, ein in China lebender Exil-Deutscher. Sind die Umstände auch noch so widrig, in „unserem“ fränkischen Paradies treffen wir uns jedes Jahr – bisher zumindest. Pläne, besagtes Paradies – als ein Aushängeschild sowie Inbegriff fränkischer Kultur – niederzumachen, um Platz für (noch mehr) „Flüchtlingsheime“ zu schaffen, existieren bereits. Aus dem Paradies würde also eine vollgeschiffte Müllhalde werden, sofern sich nicht genügend künstlich bunte Gutbürger zum Säuberungspersonal für irgendwelche dahergelaufenen Pseudotraumatisierten selbsdegradierten. Schließlich „bresierts mit dera Umvolggung“, wie der Franke sagen würde.

Freilich, wenn man sich umblickt, könnte man meinen: Wen juckts? Abgesehen von uns sind – ebenfalls wie immer – etwa vier bis fünf andere Tische besetzt, Durchschnittsalter: 60.

Und meine Generation? Nun gut, wenn es sich nicht um einen „offiziellen Anlass“ handelt (Altstadtfest, Bierfest etc.), verlässt der jüngere Franke eher ungern seine Couch – „also heute geht’s nicht mehr“, denn es sei „zu heiß“, „zu kalt“ oder – mein Favorit in Anbetracht der Anreise als Exil-Deutscher – „zu weit“, um auf einen Plausch vorbeizuschauen. Ich nenne es mittlerweile nur noch liebevoll das „Couch-Syndrom“.

Stehen etwa alle am Bahnhof herum und küssen bereichernden Kulturraketen präventiv die Füße (wie der Papst im Vatikan)? Demonstrieren sie im Schulterschluss mit der „Anti“fa gegen die fünf Neonazis, die es in Täuschland gibt, während zur selben Zeit abertausende tatsächliche, türkische Faschisten/Nationalisten/Religioten in Köln mal eben im Handumdrehen die größte „Pegida“-Kundgebung zahlenmäßig in den Boden stampft (und das – im Gegensatz zu „Pegida“ umgekehrt – auch gerne wortwörtlich täte bzw. bald wird)? Nein, denn das Bild war stets dasselbe in „unserer“ Denkfabrik, genannt Biergarten: Ein paar ältere Herrschaften. Und wir.

Aufgrund fehlender Gäste schließt eines der großartigsten Ehepaare Frankens – alt genug, um die Großeltern meiner Generation zu sein – seinen Biergarten erneut etwas früher. Wir geben die Maßkrüge zurück, verabschieden uns schauen weiter.

Etwa nach dreihundert Metern, wo eine ebenfalls schon ältere Pinte seit einiger Zeit neue Pächter hat, kehren wir ein. Es handelt sich um überaus sympathische Polen, inkl. äußerst attraktiver Bedienung, welche uns sogleich vier Zubr serviert. Der Laden ist rappelvoll, sowohl innen als auch an den Tischen vor der Tür, die Stimmung kocht: Es wird gelacht, getanzt, gezockt, geraucht und voller Inbrunst diskutiert. Die Gäste sind sympathisch und fröhlich.

Wir sind die einzigen Nicht-Polen unter den letzteren.

Dennoch fühlt es sich im Zuge der schrittweisen Heimatvernichtung wie Heimat an: Gleiche Kultur, gleiche Späße, ähnliche Interessen und Wertvorstellungen usw.

Nach einigen Stunden laufen wir gen Südstadt zur Noch-Wohnung eines unserer Exil-Deutschen. Einer von uns trägt stets ein kleines Messer mit sich – effektive Bewaffnung (= Verteidigung) ist nach wie vor nur Kriminellen vorbehalten. Währenddessen ziehe ich meine fast leere Ohne-EU-Richtlinien-geht-gar-nichts-und-wir-würden- allesamt-ins-Chaos-stürzen-Zigarettenschachtel aus der Hosentasche. Die Schachtel – nein, es folgt kein Scherz – zeigt einen Kerl, der seinem Baby den Rauch ins Gesicht bläst, während er den heulenden Kleinen auf dem Arm hält. Jaja, so sind sie, die Raucher: Männlich, weiß, kinderhassend, rücksichtslos und moralamputiert.

Dennoch fällt mir auf, keine Menthol-Kippen mehr zu haben. Der Plan: Kurz zum Automaten, eine Packung kaufen und in die Wohnung nachkommen, wo die anderen bereits einen Rotwein genießen.

Ich laufe also zum ersten Automaten. Nix Menthol. Am zweiten über der Straße dasselbe. Ich marschiere ums Eck zur Hauptstraße. Unterwegs scheint keiner mehr zu sein – wieso auch bei über einer halben Million Einwohner und Wochenende? Nach etwa 50 Meter stoße ich auf ein kleines „Casino“ mit diversen Spielautomaten. Ich begutachte den Kippen-Automaten sehr gründlich. Wieder nichts. Zefix! Noch am Überlegen, wo ich noch hinschauen könnte, stehe ich wieder auf dem Gehweg, als zwei junge Burschen, etwa 18 oder 19, panisch an mir vorbeistürmen. Sofort werde ich einmal mehr aus der alten in die neue Realität gerissen und sehe, wie ihnen auf demselben Gehweg, etwa 30 Meter entfernt, ein Pulk von acht bis zehn Schwarzen/Farbigen/[politisch korrekten Schwachsinnsbegriff bitte hier einsetzen] auf der Ferse ist, einer von ihnen schreit lauthals: „Fuck you, white people!!“

Zwar habe ich keine Ahnung, was überhaupt los ist, da ich es jedoch auch gar nicht erst herausbekommen will, renne ich instinktiv den weißen Buben hinterher. Sie hecheln geradeaus weiter, während ich in die nächste Seitengasse abbiege und einfach weiterrenne. „Zum Glück“ sprintete die Horde, welche allem Anschein nach ihrem Gewinn des Friedens- oder Kernphysiknobelpreises feierlich Ausdruck verleihen wollte, weiterhin den jungen Kerlen hinterher, ich merkte jedenfalls schnell, nicht verfolgt zu werden und in, äh, Sicherheit zu sein.

Darüber hinaus wurden vier Dinge deutlich:

  1. Wer hätte gedacht, dass ich immer noch dermaßen schnell bin? Stets der Klassenbeste im Sportunterricht gewesen zu sein, hält offenbar lange an. Höhö.
  2. Da Schwarze per definitionem in der neuen Buntes Republik nicht rassistisch sein können, kann es nur meine Schuld gewesen sein, in diese Situation geraten zu sein. Schuld hat außerdem der Kapitalismus!!
  3. Selige Erinnerungen dieser Art aus früheren Zeiten wurden wach. Nicht.
  4. Menthol-Kippen können tödlich sein.

Ich verzichte schließlich darauf, trinke Rotwein – und rauche normale Gauloises.

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