Buchrezension: Irvin D. Yalom – Und Nietzsche weinte: Yaloms Magnum Opus

Als jemand, dessen eigene Denkweise sehr stark von Friedrich Nietzsche beeinflusst wurde, war ich vor vielen, vielen Jahren mehr als gespannt, nachdem ich zufällig auf Irvin D. Yaloms Buch gestoßen war. Worum es inhaltlich geht, wurde hier bereits zur Genüge erläutert und soll deshalb nicht noch einmal rekapituliert werden.

Die Idee, unterschiedliche intellektuelle Größen in fiktiver Weise „aufeinander loszulassen“, empfand ich von Anfang an als fesselnd und interessant. Und was soll ich sagen? Seit diesem Buch bin ich ein treuer Leser der Werke Yaloms, zumal jenes Aufeinandertreffen meisterhaft umgesetzt und meine Erwartungen damit glücklicherweise nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen wurden.

Als Kenner von Nietzsches Werken stößt man hier quasi laufend über Aussagen, Maximen, Zitate, Thesen und Annahmen des Philosophen, welche brillant in das Handlungsgeflecht eingewoben wurden und gleichzeitig die Munition in den fantastischen Wortgefechten zwischen ihm und Josef Breuer liefern. Der Psychoanalytiker Breuer auf der einen Seite und der begnadete Philosoph auf der anderen steigern sich in diesem Roman in ein psychoanalytisches und stilistisch hochwertiges Sprachduell, das so zwar nie stattgefunden hatte, aber meiner Meinung nach auf atemberaubende Weise in Szene gesetzt wurde, auf dass ich während der Lektüre immer wieder eine Gänsehaut verspürte. Anhand der Gespräche zwischen Breuer und Nietzsche gewinnt man als interessierter Leser intime Einblicke in deren Leben. Doch damit nicht genug: Yalom lässt die Redestunden der beiden nochmals Revue passieren, indem er Breuer das Besprochene nochmal mit Sigmund Freud diskutieren lässt. So wird alles zusätzlich von einem anderen Blickwinkel beleuchtet und aus verschiedenen Perspektiven analysiert. Großartig!

Zu keinem Zeitpunkt kam während des Lesens Langeweile auf und die 448 Seiten vergingen somit wie im Flug. Hellauf begeistert bin ich nach wie vor von der sich stetig verdichtenden sowie zwischen Emotion und Ratio pendelnden Atmosphäre und Erzählstruktur. Versüßt wird letztere zudem durch das Bemühen um sprachliche Authentizität sowie die Möglichkeit, gleichsam einen Spaziergang durch das Wien des auslaufenden 19. Jahrhunderts unternehmen zu können.

Vielleicht ein kleiner „Wermutstropfen“: Meiner Meinung nach hat Yalom trotz großartiger, anderer Bücher (z.B. ‚Die Schopenhauer-Kur‘ oder ‚In die Sonne schauen‘) mit ‚Und Nietzsche weinte‘ sein Magnum Opus geschaffen, dessen Qualität in dieser Form (bis dato) nicht mehr voll und ganz erreicht wurde.

5/5

(Diese Rezension erschien zunächst hier.)

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