Über Neomoralismus oder: Wie man politische Opfer einander abwägt

Das (eigentlich nur scheinbare) große Dilemma des sog. „Libertarismus“ tritt dieser Tage stärker denn je durch die Problematik zwischen blanker Theorie und objektiver Realität zutage, was am Beispiel der Flüchtlingskatastrophe illustriert werden kann. Ich frage mich, wie heutige „Libertäre“ die Tatsache stellenweise vollkommen ausblenden können, dass vor dem Hintergrund der wohlgemerkt selektiven „Einwanderung“ in die BRD – denn als hochqualifizierter Chinese beispielsweise kannst du lange darauf warten – das „freie Bewegen” auf der Basis von Zwang und der Androhung von Gewalt von vollkommen unschuldigen Menschen bezahlt werden muss.

Ja, jede Zwangsabgabe ist falsch, richtig. Das relativiert aber überhaupt nichts. Es ist interessant, dass eine sog. „reine Lehre” (die unter Freiheitsfreunden sicherlich von beinahe jedem verinnerlicht wurde) auf das prinzipiell natürliche, freie Bewegen bis zum St. Nimmerleinstag angewandt wird, aber urplötzlich und mit einem Schlag die logisch-ethische Prämisse „Ja, gerne, aber bitte auf eigene Kosten“ völlig belanglos wurde bzw. hinsichtlich der Zwangsfinanzierung dieses „freien Bewegens“ ausgeblendet oder relativiert wird, manchmal getreu dem Motto: „Naja, es wird ja bereits so viel zwangsfinanziert, dann ist diese Zwangsfinanzierung auch schon egal.“ Dumm nur, dass letztere Zwangsfinanzierung der ganzen, vom Staat initiierten, „freien Bewegung“ voraus (!) geht. Und dumm auch, dass letztere Zwangsfinanzierung so teuer ist, dass laut diverser Hochrechnungen jeder Deutsche bis zu 100.000 Schulden angehäuft haben wird (selbst die, die noch gar nicht geboren sind). Interessiert sich eigentlich auch jemand für die ökonomische Situation nachfolgender Generationen, von der gesellschaftlich-kulturellen Entwicklung einmal ganz zu schweigen? (Sehen Sie hierzu auch den Vortrag von Stefan Molyneux unter Downloads & Clips.)

Das heißt, wenn die „libertäre Denke“ schon von jemandem „verletzt“ oder inkonsequent gehandhabt wird, dann doch von denjenigen, die BIS zum Zeitpunkt der kulturellen Zwangsvereinigung richtigerweise tönten: „Ja, mache ein jeder, was er wolle, aber nicht zu Lasten Dritter, komme also ein jeder selbst oder auf Basis freiwilliger Spenden für seinen Lebensunterhalt auf.“ Doch ab Zeitpunkt der kulturellen Zwangsvereinigung heißt es fälschlicherweise urplötzlich: „Ja, möge ein jeder sich frei niederlassen, ungeachtet des Umstandes, unter welchen Prämissen diese Niederlassung und Verpflegung finanziert wird.“

Nicht selten werden begründete kritische Stimmen, logische Prognosen anhand de facto bereits existierender Vorkommnisse und Zustände mit dem (auch hier prinzipiell natürlich richtigen) Argument ignoriert, indem die Frage gestellt wird, ob sich Menschen, die niemandem etwas getan haben, frei bewegen dürfen sollten. Und ja, auch hier gilt selbstverständlich: Natürlich dürfen sie das. Ignoriert wird der Umstand, dass sie ab dem Moment, wo sie zwar angerückt sind, jedoch nicht auf eigene Kosten leben, eben sehr wohl jemandem „etwas tun“, indem durch immer weiter ausufernde Kapitalenteignung via „Steuererhebung“ Menschen, die umgedreht den „frei Beweglichen“ nichts getan haben (so wird ein Schuh daraus!), genötigt, erpresst und letztlich ausgeraubt werden. Punkt.

Ich bin selbst Auswanderer (und auf gewisse Weise „Flüchtling“) und könnte mich nach jenem Argument hinstellen und sagen: „Ich habe keinem Chinesen irgendetwas getan. Demzufolge darf ich mich in China niederlassen und aushalten lassen. Und wenn deshalb einer aufmuckt, ist er ein böser Unterdrücker, der mich an meiner Bewegungsfreiheit hindern will und für Grenzen ist!“

Auf beiden Seiten handelt es sich um politische Opfer. Jedoch scheinen die einen doch irgendwie gleicher zu sein als die anderen. Staat raubt. Richtig. Ethisch gesehen hat er aufgrund seiner Zwangsstrukturen kein Existenzrecht, was Menschen betrifft, die diesen Zwang nicht wollen. Auch richtig. Existiert er trotz der philosophischen Theorie? Ja. Werden durch die Existenz eines Zwangsstaates automatisch alle Menschen zu Unschuldslämmern? Nein! Wenn ich ohne Staat allein aus ökonomischen Gründen nicht tun und lassen kann, was ich will, sofern ich die Mittel dafür nicht zur Verfügung habe, kann ich es auch und erst recht nicht vor dem Hintergrund eines Zwangsstaates, da ich genau weiß (oder zumindest wissen sollte), dass mein Tun, so wie ich es will, bei fehlender ökonomischer Grundlage zwangsläufig von fremden, unschuldigen (!) Menschen finanziell geschultert werden muss.  Unwissenheit ist hierbei im schlimmsten Falle eine Ausrede, im besten Falle irrelevant. Wieso wohl ausgerechnet dieser Strom in deutsche Gefilde? Es ist an Naivität nicht zu überbieten, dies für einen gewaltigen Zufall zu halten. Wenn sich etwas unter Menschen herumspricht, dann der Umstand, dass es etwas „umsonst“ gibt, was, wie „wir“ wissen, ein Trugschluss ist. Nichts ist umsonst.

Eigenverantwortlichkeit bleibt jedoch trotz des Wunsches nach Verantwortungstransfer ein ethisches Prinzip, welches stets evident bleiben und sich an Situationen anpassen muss. Andernfalls ist das Prinzip wertlos und beliebig korrumpierbar. An dieser Stelle sei auch auf eine realistische Einschätzung von Dominik Zorn verwiesen:

„Es ist ja nicht so, dass wir bereits im libertären Utopia leben würden und jemand jetzt einfach so eine Staatsgrenze fordern würde. Für mich steht außer Frage, dass der Wandel, wenn überhaupt machbar, ein sehr langfristiger sein wird. Viele kleine Schrittchen über Jahrhunderte und Generationen hinweg. So gesehen ist jeder noch so kleine Schritt zur Reduzierung der Staatsmacht für mich ein Fortschritt. Das Argument ‚Wenn du forderst, dass 80% Abgaben auf 75% gesenkt werden sollen, forderst du damit Abgaben von 75% und bist ein Etatist‘ ist in sich völlig unlogisch und reine Sophisterei. Wer allen Ernstes glaubt, er könne einen Schalter umlegen und der Staat geht von 100 auf 0%, der lebt im Wolkenkuckucksheim. Wer allen Ernstes glaubt, es diene der Freiheit, Millionen größtenteils Hardcore-Etatisten in ein (noch!) von einem Ausbeuterstaat eingehegtes und kontrolliertes Gebiet zu übersiedeln, der verleugnet den Status-Quo. Diese würden wahrscheinlich – wären sie Zebras, die gerade von Löwen gefressen werden – noch mit dem letzten Atemzug ihren Mitzebras zurufen: ‚Wer was gegen Zäune hat, ist für das Reservat!‘ “

Nebensächlich scheint für – wie ich sie nenne – Art „Neomoralismus“ der Fakt, dass die Zwangsbezahlung in vielen Fällen eben auch dazu führt, dass ihrerseits vollkommen unschuldige Menschen (Zwangsfinanzierer) aus ihrer eigenen Heimat flüchten müssen, sofern sie – exakt wie die überwiegend aus Nahost sowie Afrika stammenden Neuankömmlinge in Deutschland – zu etwas kommen wollen (allein in meiner Familie und meinem Freundeskreis bisher fünf Fälle, inkl. mir. Wir sehen uns nur noch ein- bis zweimal pro Jahr, wenn überhaupt). Kapiert man das womöglich tatsächlich nur als produktiver Leistungsträger? (Anmerkung am Rande ohne Anspruch auf generelle Repräsentativität: Ich persönlich mache die Erfahrung, dass sich v.a. selbstständige und etwas er-wirtschafende Libertäre tendenziell gegen eine Hau-ruck-Zwangsvereinigung aussprechen, arbeitslose oder ihrerseits vom Staat abhängige Libertäre hingegen tendenziell dafür.)

Warum wird jener Umstand hartnäckig und konsequent verschwiegen? Sind es dogmatische Gründe? Oder doch nur aus Naivität? In jedem Falle wurde sich heillos verheddert. Warum steht das angebliche „Naturrecht“, sich frei bewegen zu dürfen, über dem angeblichen „Naturrecht“, in Ruhe gelassen zu werden? Wenn eine Situation an sich moralisch falsch ist (Zwangsstaat), wird sie nicht dadurch relativiert, noch mehr moralisch Falsches zusätzlich beizumischen. Ja, Politiker haben diese gewaltige Misere – wie jede dieses Ausmaßes – zu verantworten, da sie seit jeher und gegen jede Ethik schalten und walten „dürfen“, wie sie gerade lustig sind. Das ändert aber nichts an den Konsequenzen, die wie immer Unschuldige ausbaden müssen. Und zu diesen Unschuldigen zählen eben nicht nur die Menschen, die unter falschen Versprechen angelockt wurden, sondern auch jene, die für falsche Versprechen zahlen, zahlen und noch mehr zahlen müssen.

Es ist meines Erachtens jedenfalls ein Unding, immer wieder – unter Weglassen der kompletten Wahrheit – einseitig auf einen Aspekt einer „Lehre” hinzudeuten, welchen, a) wie gesagt, jeder prinzipiell genauso sieht und um sich b) im Endeffekt (unterschwellig) moralisch überlegen gerieren zu können. Sowas nennt man auch Dogmatismus, getreu dem Motto: Hier ist meine Bibel, Diskussion beendet. Wieso diese Überlegenheit allerdings nicht besteht, verdeutlicht sich anhand eines entlarvenden Zitates von Roland Baader:

„Es ist nicht moralisch, auf Kosten anderer zu leben und das auch noch als ‚Anspruch‘ oder ‚Recht‘ zu verstehen [Gilt aber, wie gesagt, offenbar nicht mehr in der aktuellen Situation; diese „Logik“ müsste mir noch sinnvoll dargelegt werden, auch bezüglich der weiteren Punkte, die Baader im Folgenden aufführt. – Anm. von mir]; es ist nicht moralisch, dem einen unter Zwang etwas wegzunehmen, um es einem anderen zu geben und damit sein Wohlwollen kaufen zu können (Stimmenkauf); es ist nicht moralisch, unter Zwang etwas vom eigenen Einkommen oder Vermögen abzugeben und zu glauben, dies sei eine ‚karitative‘ Leistung; es ist nicht moralisch, vermittels der Macht monopolistischer Syndikate (Gewerkschaften) sein eigenes Einkommen auf Kosten der Einkommen, Erträge und Arbeitsplätze anderer in die Höhe zu treiben; es ist nicht moralisch, auf Kosten der Arbeitsleistung und der Ersparnisse anderer studieren, wohnen, arbeiten oder nicht arbeiten, krank feiern oder krank sein zu können; es ist nicht moralisch, andere für den eigenen Lebensabend versorgen und bezahlen zu lassen; es ist nicht moralisch, den einen aufgrund ihrer ‚höheren Leistungsfähigkeit‘ mehr wegzunehmen als anderen (progressive Steuer) – und dies auch noch für gerecht zu halten; es ist nicht moralisch, sich Güter und Dienste vom Staat auf Kosten anderer und auf Kosten künftiger Generationen geben zu lassen – oder dies einzufordern; es ist nicht moralisch, jemanden zu zwingen, anderen etwas angeblich oder tatsächlich ‚Gutes‘ zu tun; es ist nicht moralisch, andere für eigenes Unglück oder eigenes Versagen oder eigene Nachlässigkeit verantwortlich und haftbar zu machen; es ist nicht moralisch, Gleichheit und Gerechtigkeit nicht als Gleichheit vor dem Recht zu fordern, sondern aus Gründen des Neides und der Missgunst, der Habgier und der Bequemlichkeit. Alles das ist nicht moralisch, sondern unmoralisch. (…)“

(für Interessierte: Wer es noch wesentlich ausführlicher haben möchte: Geschosse wider den Einheitsbrei)

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