Das „Bedingungslose Grundeinkommen“ – ein probates Mittel zur sozialen Kohäsion?

von Ralf Karnowsky

Der interventionistische Wohlfahrtstaat stößt heute allerorts an schier unüberwindliche Grenzen, insbesondere was zwei seiner definierten Ziele betrifft: der Verhinderung von Armut durch „Umverteilung“ und der Unterbindung einer weiteren Spreizung der Einkommensunterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen der Gesellschaft.

So ist es nicht verwunderlich, dass sich Menschen – unterschiedlichster Weltanschauungen und quer durch alle politischen Lager – Gedanken darüber machen, wie diese Probleme zukünftig gelöst werden sollen: die einen wollen das bestehende soziale Absicherungssystem im Kern beibehalten und durch weitere staatliche Eingriffe regulieren, die nächsten möchten das jetzige System abschaffen und durch eine vereinheitlichte Hilfe ersetzen („Bedingungsloses Grundeinkommen“ – kurz: BGE), andere wiederum lehnen die Existenz eines Sicherungssystems an sich explizit ab.

Betrachten wir im Folgenden das BGE genauer: es scheint, auf den ersten Blick gesehen, tatsächlich eine zukunftsfähige Alternative zu dem bestehenden Absicherungssystem zu sein. Seine Attraktivität verdankt es dem Umstand, dass seine Einführung einen massiven Abbau staatlicher Bürokratie nach sich ziehen würde, da hunderte von Maßnahmen (die jede für sich an seperaten Stellen im Staats- bzw. Kommunalapparat vollzogen werden) zu einer einzigen zusammengefasst würden, die zudem auch nicht mehr beantragt und geprüft werden müsste – ausgenommen die Geburt und der Tod des Empfängers.

Die dadurch bedingte Verminderung der „Reibungsverluste“ bei der Umverteilung würde zu einer massiven Absenkung des Kapitalbedarfs führen, das für die existenzielle Absicherung aller aufgebracht werden müsste (ich vermeide an dieser Stelle den Begriff „sparen“ bzw. „einsparen“ wohlweislich) bzw. würde dazu führen, bei gleichem Aufwand wie heute die Transferleistung an die Empfänger erhöht werden könnte. Soweit, so gut.

Und es gibt sogar noch einen weiteren positiven Aspekt, der selbst von manchen Befürwortern des BGE übersehen wird: die „freigesetzten“ staatlichen Angestellten könnten in produktiven Bereichen tätig werden und somit die Wohlfahrt für alle erhöhen, da dies die Gesellschaft insgesamt reicher macht. (Zum Verständnis dieses Sachverhaltes bitte ich den Leser hier insbesondere die Abschnitte „Die Entlassung“ und „Öffentliche Arbeiten“ zu lesen).

Das ist aber auch alles, was die Einführung eines BGE an positiven Wirkungen aufweisen könnte.

Die tiefere Ursache des Problems wird durch ein BGE nicht beseitigt, sondern im Gegenteil noch verschärft. Es folgt die Beweisführung für diese Behauptung:

(1) Seit dem Bestehen einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung (ich setze den Zeitpunkt des Beginns – zugegebenermaßen recht willkürlich – einmal um 1830; also sprechen wir hier über einen Zeitraum der letzten 180 Jahre) erfuhren die Menschen eine Steigerung des Lebensstandards, wie er die vorhergehenden 2000 Jahre nicht stattfand. Sie genießen heute Waren und Dienstleistungen, die selbst einen absolutistischen Potentaten vor Neid erblassen ließen, wenn er von diesen Kenntnis gehabt hätte. Selbst Karl Marx konnte nicht umhin, dies als Tatsache anzuerkennen:

„Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt.“ („Manifest der kommunistischen Partei“, MEW 4, S. 464).

Die Frage, die es zu beantworten gilt, lautet: Wodurch war es gerade dem Kapitalismus möglich, einen solchen Massenwohlstand zu schaffen? Die erste Antwort, die einem in den Sinn kommen mag, ist: durch die Marktwirtschaft! Dies ist sicherlich nicht verkehrt, kann aber das Phänomen nicht vollständig erklären, denn bereits um 1800 v.Chr. gab es einen Fernhandel, der nach marktwirtschaftlichen Prinzipien organisiert war (so wurde z.B. Zinn für die Bronzeherstellung von der britischen Insel nach Kreta verbracht) – und von einem hohen Lebensstandard für die Massen der Bevölkerung konnte zu dieser Zeit wohl keine Rede sein. Die Marktwirtschaft existierte also seit jeher: seitdem Menschen anfingen, miteinander Tauschhandel zu betreiben (selbst der Sozialismus konnte sie nicht endgültig beseitigen: sie fand dort weiter „im Untergrund“ statt).

Es musste demzufolge noch etwas Anderes, Zusätzliches zur Marktwirtschaft hinzukommen: die Beseitigung der Ständeordnung. Durch die Freiheit eines jeden Einzelnen, durch seine Handlungen den Verlauf seines Lebens beeinflussen zu können, waren die Grundlagen zu einer sozialen Mobilität geschaffen. Diese entfaltet ihre Wirkung in einer freiheitlichen Gesellschaft jedoch nach zwei Seiten: einerseits ermöglicht sie dem „Habenichts“ aufzusteigen, indem er ständig danach Ausschau hält, seinen Mitmenschen durch seine Arbeit einen Nutzen zu bieten.

Diesen potentiellen Nutzen kann er erhöhen und damit seine Aufstiegschancen verbessern, indem er Selbstdisziplin übt, härter arbeitet als andere Mitglieder seiner sozialen Schicht und verantwortungsbewusst mit seinen Mitteln umgeht. Marx bestreitet zwar diese Sichtweise als ‚Kinderfibel‘ („Er lehnt mit Verachtung die bourgeoise Kinderfibel ab, dass gewisse Leute eher als andere dank höherer Intelligenz und Arbeits- und Sparenergie Kapitalisten wurden und es noch täglich werden.“ Joseph A. Schumpeter „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“), aber die Historie mit den hunderttausendfach belegbaren Biographien von Aufsteigern sollte jedem Unvoreingenommenen zeigen, dass er damit falsch lag.

Wesentlich richtiger beurteilte sein Zeitgenosse Abraham Lincoln diesen Sachverhalt: „ Wenige Männer besitzen Kapital, und diese Wenigen meiden ihrerseits die Arbeit; mit ihrem Kapital mieten oder kaufen sie die Arbeitskraft einiger anderer. Eine große Mehrheit gehört keiner dieser Klassen an – sie arbeiten weder für andere, noch lassen sie andere für sich arbeiten … Und dieser Fall ist beinahe, wenn nicht gar durchgehend die allgemeine Regel. Der umsichtige, mittellose Anfänger im Leben arbeitet eine Weile für Lohn, spart den Überschuss an, mit dem er für sich selbst Werkzeug oder Land kaufen kann; dann arbeitet er eine Zeitlang auf eigene Rechnung und stellt langfristig andere Anfänger ein, ihm zu helfen. Das, sagen die Befürworter, ist freie Arbeit – das gerechte und großzügige und florierende System, das den Weg für alle öffnet – allen Hoffnung gewährt, und Schaffensdrang und Fortschritt und Verbesserung der Lebensbedingungen aller.“ (A.Lincoln, 1859)

Andererseits fordert die soziale Mobilität vom „Vermögenden“ einen sorgsamen Umgang mit seinem Kapital, da er sonst in die Gefahr läuft „abzusteigen“ – auch für diese Fälle gibt es unzählige Beispiele in der Geschichte. Es war nämlich in der Vergangenheit nicht immer so, dass „der Teufel immer auf den größten Haufen scheißt“ – sprich, dass ein einmalig zu Wohlstand Gekommener quasi eine staatliche Garantie auf den fortwährenden Erhalt seines Reichtums ausgestellt bekam (wie bspw. heutigen Besitzern von Staatsanleihen südeuropäischer Länder). Im einem Kapitalismus, der seine Bezeichnung verdient, trägt der Kapitalist die Verantwortung für seine Investition, was bedeutet, dass er im Falle des Eintritts des Risikos, dass mit dieser untrennbar verbunden ist, deren Verlust zu tragen hat (und diesen nicht sozialisiert, indem er den Steuerzahler dafür bluten lässt).

Die soziale Mobilität, eine Folge der Beseitigung der Ständeordnung und der darauf folgenden Freiheit für alle Mitglieder der Gesellschaft, beseitigt also nicht die Einkommens- und Vermögensunterschiede zwischen den Gruppen, aber sie sorgt dafür, dass (a) die Gruppen über die Zeit hinweg aus unterschiedlichen Individuen bestehen und (b) jedes Mitglied über alle Gruppen hinweg über mehr Mittel verfügt als es vor ihrem Entstehen der Fall war.

Dies ist das Geheimnis des Kapitalismus; das ist sein ursprünglicher fortschrittlicher, zutiefst humanistischer Kern, der zu einer derartigen Prosperität führte – und der heute unter einem Haufen staatlicher Ein- und Missgriffe zugeschüttet ist. Aber selbst in einem dadurch gebremsten Lauf entwickelt die kapitalistische Produktionsmaschine heutzutage noch eine solche Leistungskraft, die einen solchen, nie gekannten Wohlstand erzeugt, dass wir heute ernsthaft über ein BGE (oder ähnliche Regularien wie Elterngeld oder die „Herdprämie“) diskutieren und seine Einführung überhaupt erwägen können – dies sollten wir nicht vergessen, bevor man vorschnell mit dem BGE dieser Maschine „den Saft abdreht“.

(2) Neben der „Rückbesinnung auf die Wurzeln“ und die ursprüngliche Funktionsweise des kapitalistischen Systems muss man sich hinsichtlich der Bewertung eines BGE noch über einige andere Tatsachen Klarheit verschaffen, die da wären:

(a) In einer derartigen Ordnung basiert jedes Einkommen (ich meine dies wörtlich! – also ich schließe ein BGE hier ausdrücklich mit ein) auf dem Umstand, dass irgendwer irgendwo unternehmerisch tätig ist. Diese Erkenntnis ist ein logischer Schluss aus dem Sachverhalt, dass sich die Produktionsmittel im Sondereigentum befinden.

(b) Die Einkommens- und Vermögensunterschiede werden heute als etwas generell Verwerfliches dargestellt, dass es zu nivellieren gilt. Kaum eine andere Forderung als die nach einer „sozialen Gerechtigkeit“ stößt auf so breite Zustimmung der Massen. Doch kann der Einzelne es überhaupt als „gerecht“ empfinden, wenn der Nachbar mehr Geld in der Brieftasche hat als er selbst? Und reduziert sich für ihn der Ruf nach „sozialer Gerechtigkeit“ nicht in der Frage: „Und was bleibt für mich übrig?“ (Dieter Nuhr). Man sollte sich bewusst werden über die Tatsache, dass Einkommens- und Vermögensunterschiede nicht nur eine Folge des kapitalistischen Systems sind, sondern gleichzeitig eine der Voraussetzungen für dessen Erfolg.

„Die Befürworter der Gleichheit der Einkommensverteilung übersehen nämlich den wichtigsten Punkt: dass nämlich die Summe dessen, was verteilt werden kann, das jährliche Produkt der gesellschaftlichen Arbeit, nicht unabhängig ist von der Art und Weise, in der verteilt wird. Dass das Produkt heute so groß ist, ist nicht eine natürliche oder technische, von allen sozialen Tatsachen unabhängige Erscheinung, sondern durchaus die Folge unserer gesellschaftlichen Einrichtungen. Nur weil unsere Gesellschaftsordnung die Ungleichheit des Eigentums kennt, nur weil sie jeden anspornt, soviel als möglich und mit dem geringsten Aufwand an Kosten zu erzeugen, verfügt die Menschheit heute über die Summe von jährlichem Reichtum, den sie nun verzehren kann. Würde man diesen Antrieb beseitigen, so würde man die Ergiebigkeit der Produktion so sehr herabdrücken, dass die Kopfquote des Einkommens bei gleichmäßiger Verteilung tief unter das fallen würde, was selbst der Ärmste heute erhält.“ (Ludwig von Mises, „Der Liberalismus“, S. 28)

(c) Nichts im Leben ist „kostenlos“ – auch wenn irgendwelche dahergelaufenen Spinner etwas von „kostenlosen Mittagessen für Kinder in der Schule“ oder von „kostenloser Unterbringung“ faseln – irgendeiner muss für derartige Leistungen bezahlen.

(d) Eine Verteilung kann im Kapitalismus nicht existieren – demzufolge auch kein Vorgang, der verniedlichend mit „Umverteilung“ zu bezeichnen wäre. Warum?

„Doch in der Marktwirtschaft wird kein Sozialprodukt erzeugt und verteilt. Kein marktwirtschaftlicher Vorgang kann aufgezeigt werden, den man als Verteilung ansehen könnte. Gerade das, dass nicht gesellschaftlich produziert und nachher verteilt wird, kennzeichnet die Marktwirtschaft und unterscheidet sie von der «einfachen» Wirtschaft des Sozialismus. Die einzelnen Wirte erzeugen. Der Vorgang, der zur Bildung der Preise, Löhne, Zinssätze und Unternehmergewinne führt, ist kein Verteilungsprozess und ist auch nicht Einkommensbildung. … [Die nationalökonomische Betrachtung] muss sich dabei von vornherein von der Vorstellung freihalten, als ob es in einer Gesellschaftsordnung, die auf dem Sondereigentum an den Produktionsmitteln beruht, einen Vorgang geben würde, den man als Verteilung bezeichnen dürfte. Verteilung findet dort statt, wo ein Vorrat in die Verfügung von Einzelnen oder von Gruppen gegeben wird, die vorher keine Verfügung über die ihnen zugewiesenen Anteile hatten. In der Marktwirtschaft ist jedes Produktionsmittel im Sondereigentum, und die Produkte werden in das Sondereigentum hinein erzeugt. Sie treten als im Sondereigentum befindliche Objekte bereits ins Dasein. Wenn man sie verteilen will, muss man sie vorerst enteignen, Enteignungen sind leicht durchzuführen. Man schließt daraus vorschnell, dass das Enteignen zur Grundlage eines auf Dauer berechneten Systems der Versorgung gemacht werden könnte.“ (Ludwig von Mises „Nationalökonomie“, S. 352/700)

Wir erkennen also, dass sich die Befürworter eines BGE einem schweren Irrtum hingeben, wenn sie die Auffassung vertreten, man könnte „ein Sozialprodukt verteilen“. In Wahrheit befürworten sie damit eine Teilenteignung der Mitglieder einer Gruppe mit einer anschließenden Weitergabe der betreffenden Güter an Mitglieder einer anderen Gruppe. Um diesen Vorgang durchführen zu können, benötigt man einen Herrschaftsapparat: den Staat, der diesen Vorgang mit Gewalt bzw. mit einer Gewaltandrohung (Zwang) unterlegt. Somit befinden sie sich – vorsichtig ausgedrückt – in einer äußerst bedenklichen moralischen Position; womit wir beim nächsten Punkt wären.

(3) 

„Das Wichtigste, was der Mensch benötigt, um zu überleben, ist sein Verstand. Das Leben ist ihm gegeben, doch nicht das Überleben. Sein Körper ist ihm gegeben, doch nicht dessen Erhaltung. Sein Verstand ist ihm gegeben, doch nicht dessen Arbeit. Um zu überleben, muss er handeln, und bevor er handeln kann, muss er das Wesen und den Zweck seines Handelns kennen. … Das Leben, das die Natur des Menschen fordert, ist nicht das Leben einer Kreatur ohne Verstand, eines plündernden Räubers oder eines schmarotzenden Mystikers, sondern das Leben eines denkenden Wesens; nicht ein Leben durch Gewalt und Betrug, sondern ein Leben durch Leistung; nicht ein Überleben um jeden Preis, denn es gibt einen Preis, der allein das Überleben des Menschen wert ist: die Vernunft.“ (Ayn Rand, „Wer ist John Galt?“, Seite 1086 ff.)

Wer den Inhalt des obigen Zitats gedanklich beiseite wischt und anmahnt, es sei doch die „Pflicht“ eines Einzelnen, seinem ärmeren Mitmenschen zu helfen, ohne eine Gegenleistung zu fordern, handelt nach einer Logik, die es als zulässig erachten würde, wenn eines Tages ein Bewohner der Dritten Welt an der Haustür eines BGE-Beziehers läuten würde, um seinen Anteil zu fordern; allein mit der Begründung, dass er über weniger Einkommen und Vermögen verfügen würde als dieser. Eine solche Moral kann wohl kaum als Basis für ein friedvolles und solidarisches Miteinander dienen.

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Wir ziehen an dieser Stelle ein Zwischenfazit:

Die Einführung des BGE wäre keine grundlegende Reform des „Sozialstaates“, da es dessen ethischen Makel – die Enteignung der einen zugunsten der anderen mittels Gewalt – nicht beseitigen kann. Eine andere Art der Finanzierung des BGE ist nicht möglich; schließlich müssen die Mittel, die „verteilt“ werden sollen, vorab geschaffen werden. Es ist – schlicht und einfach gesagt – eine „Verschlankung“ des bisher bestehenden Absicherungssystems.

Um die Zustimmung der Massen zu erreichen, bedienen sich die Befürworter des BGE eines perfiden Tricks (auch wenn manche von ihnen im guten Glauben handeln): Oberflächlich gesehen, wollen sie „Alles beim Alten“ lassen und suggerieren dem Volk die Beibehaltung von Wohlstand und Frieden bei mehr „Gerechtigkeit“ – durch die Hintertür jedoch möchten sie eine neue Ordnung installieren, in der die kommunistische Maxime „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ gilt.

Äußerst interessant und zudem entlarvend ist diesbezüglich das folgende Zitat:

„Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muss es der Zivilisierte, und er muss es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse sich erweitern; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehen, dass der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehen. Aber es bleibt dies immer in Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühen kann. Die Verkürzung des Arbeitstages ist die Grundbedingung.“ (Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band. Berlin 1988, S. 828)

Der Inhalt dieser Aussage deckt sich nahezu im Verhältnis 1:1 (wenn man den Text der marxtypischen Verschwurbelung entkleidet) mit der Beschreibung der Ziele, die führende Verfechter des BGE tätigen. Doch wie würde sich dieses ökonomisch auswirken?

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(4) Arbeitsleid, Arbeitsqual und Arbeitsfreude

„Es kann keiner Ideologie, sie mag noch so eindringlich vorgetragen werden, je gelingen, am Arbeitsleid etwas zu ändern. Man kann Arbeitsleid nicht wegdisputieren und nicht wegsuggerieren, man vermag es anderseits freilich durch Worte und Lehren auch nicht zu steigern. Arbeitsleid bleibt immer Arbeitsleid. Seine Lebenskräfte ungehemmt ausströmen zu lassen, sich frei auf den Gefilden der Erde umher zu tummeln, befriedigt besser als der Zwang der Arbeit. Auch der Arbeiter, der mit vollem Herzen, mit Begeisterung und selbst mit Aufopferung bei der Arbeit ist, empfindet das Arbeitsleid nicht weniger, als er es empfinden würde, wenn er den mittelbaren Arbeitsgenuss niedriger einschätzen würde; er sieht in der Arbeit ein Übel, weil sie Arbeitsleid bringt, sucht, wenn es den angestrebten mittelbaren Arbeitsgenuss nicht gefährdet, die Arbeitsmenge herabzusetzen, um damit auch das Arbeitsleid zu mindern, … Die Arbeitsfreude […] entspringt in letzter Linie der Einsicht, dass doch das Freisein von Arbeitsleid niedriger bewertet wird als der Erfolg und Ertrag der Arbeit; der Arbeiter findet sich mit der Tatsache ab, dass nun einmal auf dieser Erde Erfolge nur durch Plage erreicht werden können. Die Propaganda der Gegner der auf dem Sondereigentum an den Produktionsmitteln beruhenden Gesellschaftsordnung hat dem Arbeiter diese Einsicht wieder genommen. Der moderne Gewerkschaftsgenosse glaubt, dass der Kapitalismus allein daran schuld sei, dass er Arbeitsleid erdulden müsse. Die kommende Gesellschaftsordnung des Sozialismus und Kommunismus, die er mit herbeiführen will, wird so beschaffen sein, dass die Arbeit «aus einer Last eine Lust wird.»(Engels, Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft, 7. Auflage, Stuttgart 1910, S. 317. ) Im Lichte dieser Auffassung wird die Arbeit dem Arbeiter zur unerträglichen Qual.“ (Ludwig von Mises, „Nationalökonomie“, Seite 537 ff.)

Dem ist wenig hinzuzufügen – die Ähnlichkeit der Auffassungen des zitierten „Gewerkschaftsgenossen“ und der Befürworter des BGE sind geradezu frappierend. Festzuhalten bleibt, dass es in der unsrigen arbeitsteiligen Ordnung Tätigkeiten gibt und immer geben wird, die mit Arbeitsleid verbunden sind. Gerade diejenigen, die aufgrund ihrer geistigen Voraussetzungen nicht in der Lage sind, ein „Hobby“ zur Arbeit zu machen, d.h. mit einer Beschäftigung, die ihnen ausschließlich „Spaß und Freude“ macht, ihrem Nachbarn einen Nutzen zu erbringen, sind auf diese Art von Arbeitsplätzen angewiesen, um sich und ihre Familien zu ernähren.

Sie erfüllen mit diesen Tätigkeiten einen unverzichtbaren Bereich der Arbeitsteilung – und dies zu einem Lohn, der die Inanspruchnahme der mit ihrer Hilfe produzierten Waren und von ihnen durchgeführten Dienstleistungen durch den Konsumenten zu bezahlbaren Preisen ermöglicht. Würde man ihnen mit dem Bezug eines BGE einen Ausweg bieten, „das Freisein von Arbeitsleid“ höher zu bewerten als „den Erfolg und den Ertrag der Arbeit“ (anstatt niedriger), müsste man logischerweise „den Erfolg und den Ertrag der Arbeit“ soweit heraufsetzen, bis die Bewertung wieder wie vor der Einführung des BGE erfolgt. Dies würde in der Praxis bedeuten, dass alle Dienstleistungen und Güter proportional zu der zur ihrer Durchführung bzw. Herstellung notwendigen Höhe der Überwindung des Arbeitsleides im Preis steigen würden. So würden bspw. alle Tätigkeiten, die mit Lärm, Schmutz, Schicht- und Wochenendarbeit, Abwesenheit von zu Hause und anderen „Extrabelastungen“ verbunden wären, nur noch bei sehr hohen Lohnzahlungen durchgeführt und bald nur noch für einen kleinen Kundenkreis bezahlbar, was das BGE für den „normalen“ Empfänger in der Folge wieder ad absurdum führt.

(5) Kollektivistische Systeme führen immer zu einer Zunahme des „moral hazard“ (zu deutsch etwa: „soziales Trittbrettfahren“). Dies ist dem Umstand zu verdanken, dass hier das Hauptinteresse des Einzelnen darin besteht, mehr auf das Handeln seiner Nachbarn zu achten, als sein Augenmerk auf das eigene Verhalten zu richten.

Auf das BGE bezogen bedeutet dies, dass ich den Bezug meines Grundeinkommens weniger der Aufbringung eigener Anstrengungen verdanke (schließlich machen diese bei etwa 40 Mio. Beschäftigten nur 1/40.000.000 am „Gesamttopf“ aus, während ich bei etwa 80 Mio. Beziehern nur zu 1/80.000.000 an der „Ausschüttung“ beteiligt bin), sondern mich wesentlich mehr darauf konzentrieren sollte, dass alle Arbeitsfähigen in meiner Umgebung ihr Scherflein zu der Sicherung meines Grundeinkommens beitragen. Ich handle unter diesen Bedingungen so völlig rational.

Schlussbemerkung:

Die Einführung eines BGE und der damit beabsichtigten Aufhebung der Notwendigkeit von Arbeit als Mittel der Existenzsicherung wird allen vernünftigen Überlegungen zufolge zu einem Nachlassen der Arbeitsbereitschaft führen. Eine Gruppe der bisher Beschäftigten wird sich völlig aus dem Erwerbsleben verabschieden, da sie völlige Freiheit in der Lebensführung bei einer Akzeptanz eines niedrigen Lebensstandards der „Überwindung von Arbeitsleid“ vorzieht. Eine andere Gruppe wird sich aus ihren bisherigen Arbeitsverhältnissen verabschieden und sich eine „leichtere Arbeit“, eventuell sogar bei verkürzter Arbeitszeit suchen. Eine dritte Gruppe von Beschäftigten wird die „ungeliebten“ Arbeitsplätze zwar besetzen – dies aber nur unter der Bedingung hoher Entlohnung und wahrscheinlich nur temporär („hier mach ich mal schnell viel Kohle“). Insgesamt hat ein solches Sicherungssystem eine nachlassende Dynamik und einen sinkenden Wohlstand zur Folge, was eine Ausbreitung der Armut nach sich ziehen dürfte.

Gerade der tägliche Kampf des Einzelnen um seine Existenz und Fortkommen, den er in Selbstverantwortung zu führen hatte, war in der Vergangenheit die Ursache des rasanten Anwachsens des Wohlstands in der kapitalistischen Ordnung. Er war der „Druck im Kessel der kapitalistischen Produktionsmaschine“ – ein BGE einzuführen bedeutet „ein Ventil zu öffnen, aus dem dieser Druck entweichen kann“. Das Resultat ist vorauszusehen: Die Maschine wird zum Stillstand kommen.

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